340 – Toxizität

Neulich las ich in einem wissenschaftlichen Text zur Stadtentwicklungin unserem Land, es wäre angezeigt, Bausubstanz aus der NS-Zeit „zu entgiften“. In ihrem toxischen Zustand bestünde das Risiko, dass die gigantischen Hinterlassenschaften des Albert Speer und anderer Baumeister Hitlers zum Symbol für die politischen Rechtsaussen der Republik missbraucht würden.

Zugegeben – ich war einigermassen verwirrt. Nehmen wir das Detlev-Rohwedder-Haus an der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums. Ich bin emotional so ausgerichtet, dass ich keine Angst vor diesem Monumentalbau empfinde, sondern vor den darin hausenden Menschen, die wir Finanzbeamte nennen, und die ihre Finger nicht aus meiner Geldbörse nehmen mögen.

Überhaupt bin ich der Meinung, dass nicht Bausubstanz eine Stadt giftig macht, sondern stets die Menschen. Schauen wir einen Moment aus grosser Höhe auf die USA.Wir erkennen so um die 50 Staaten, und in jedem Staat eine weitere Differenzierung in soziale, religiöse oder ethnische Gruppen. Wir nehmen dieses Bild auf und legen zu Hause eine sanfte Landung hin. Haben wir soeben etwas gelernt? Wie immer: Nein. Das Desaster liegt offen vor unseren Augen, und wir nehmen es nicht zur Kenntnis: Nirgendwo finden sich Spuren von Assimilation, Integration und Multi-Kulti-Firlefanz. Anstelle derartiger Positiva sehen wir Egomanie, Intoleranz, Vorurteile und andere derartige Leckereien. Aber es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Nun wiederholen wir diesen Prozess und schauen uns Deutschland an. Wir erkennen die Ghettos in den deutschen Grosstädten nicht, weil wir sie nicht erkennen wollen. Wir reden scheinbar selbstkritisch von der Spaltung unserer Gesellschaft, und wir kitten mit dem substanzlosen Schwafeln die Risse nur notdürftig, oder schlimmer, nur zum Schein..

Tragisch, dass die Risse in Gesellschaftssystemen meist auf natürlichem Weg entstehen.
Sie sind unvermeidbar, „weil nicht zusammengehört, was nicht zusammenwächst“. So sagt man doch, oder?

Und nun könnten wir nochmal über das Entgiften unserer Lebensräume nachdenken ….. oder?Zur Optimierung unserter Lebenssituation müssten wir die bundesdeutsche Gesellschaft entgiften. Das würde die Spaltung beseitigen, oder mindestens deutlich verringern. Nähme man sich Zeit und einen guten Plan, so wären Erfolge zu erwarten. Aber nichts geschieht – weil man die Spaltung vorantreibt. Sie schwächt jenes Wesen, das man heuchlerisch den Souverän zu nennen pflegt.
Man braucht keinen Souverän, sondern viele Millionen Lohnsklaven.

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