339 – Unheimlich

Es mögen nun drei Wochen vergangen sein, seit ich in unserem Schlafzimmer diesen schwarzen Quadratmeter aus festem Tuch vorfand, sauber ausgebreitet auf der Männerseite unseres Doppelbetts. Was hatte er sich wohl dabei gedacht, fragte ich mich selber, und schrieb meinem Angetrauten eine bisher nicht entdeckte Fähigkeit zu, Unsinn zu verbreiten. Ich nahm das Tuch, faltete es auf A 4-Grösse zusammen und legte es gut sichtbar auf die Kommode.

Wenige Tage später fand ich am frühen Nachmittag auf meiner Bettseite ein gleich grosses Tuch, allerdings in leuchtendem Rot. Nun war ich doch leicht amüsiert, und ich begann, ungeduldig auf die Fortsetzung des Spiels meines Kerls zu warten. Den roten Lappen faltete ich und legte ihn auf den schwarzen.

Und tatsächlich setzte mein Gatte das Spiel fort, ohne des Rätsels Lösung auch nur anzudeuten. Nach einer Pause von zwei Tagen waren beide Tücher von der Kommode genommen und auf den Betten ausgebreitet – für mich rot, für ihn schwarz, aber in der Mitte der Tücher lagen Kugeln von Fussballgrösse. Das schwarze Tuch war mit der roten, das rote der schwarzen Kugel geschmückt. Diese seltsame, aber ansehnliche Applikation liess ich liegen. „Heute abend nehme ich mir den Kerl zur Brust!“ Er sollte mir erklären, was er mit diesem Unfug beabsichtige, wie er es schaffe, tagsüber unbemerkt ins Haus zu gelangen, und wann ich endlich mitspielen dürfe.

Der Abend endete mit Krawall. Mein Mann bestritt, mit diesem Nonsense zu tun zu haben. Es brauchte wohl eine volle Stunde, bis ich ihm glaubte, dass er unschuldig sei. Unser 6-jähriger Sohn geriet nur kurz in Verdacht. Er hat nur Fussball im Kopf, und wo sollte er das Material für das Arrangement hernehmen? Mein Mann festigte schliesslich seine Position, indem er die örtliche Polizei einschaltete; die Uniformierten waren keineswegs beunruhigt und vermuteten einen Streich Jugendlicher. Schliesslich wurde nicht gestohlen, wir sollten also gelassen sein und ein wenig Aufmerksamkeit an den Tag legen ….. naja, so reden sie halt.

Am folgenden Tag, es war ein Samstag, und mein Mann hatte frei, haben wir regelmässig und in kurzen Abständen unseren Schlafraum kontrolliert. Die Türen zum Flur wurden offengehalten. Es schien unmöglich, unbemerkt agieren zu können. Gegen 15 Uhr schaute mein Mann in das Schlafzimmer, und brüllte einen Fluch, den ich hier nicht wiedergeben darf. Ich beeilte mich, um Erste Hilfe zu leisten. Was war los?

Über beiden Betten lag ein Riesen-Tuch im Format 2 m x 2 m, mit Schachmuster-Karo in Rot und Schwarz, sauber in 64 Felder unterteilt, und mit zwei neuen Kugeln bestückt.
Mein Mann stand ratlos daneben und murmelte nur „E8 – E1“. Ich wusste, beim Schach sind dort die Könige zu Hause, und die beiden Kugeln hatten eben diese Position besetzt.
Fips brüllte wieder los – mein Mann heisst übrigens Philipp mit Vornamen – er brüllte also los, und ich verstand irgendwas mit verdammter Sch ….. Scheisse, und bemerkte, dass er weinte. Ich kenne ihn. Mit Hilflosigkeit kann er nicht zurecht kommen. So blieben wir vor dem Rätsel stehen und warteten ab, bis sich der Verstand meldete: Es ist ja nichts passiert! Doch plötzlich stürmte Fips los, und ich hinterher. Unser Zwerg! Der ist doch erst sechs! Hoffentlich …..

….. nein, es war ihm nichts Schlimmes geschehen. Er hockte auf dem Fussboden, vor sich ein rot/schwarz kariertes Bild auf Packpapier, mit 64 Felder, und 32 Lego-Steinen in blau und gelb. Er spielte. Er spielte Schach. Als wir das Kinderzimmer betraten, erschrak er, fing sich rasch und sagte laut und deutlich: „Mit diesem Scheiss Traxler-Gambit komme ich nicht zurecht! Was hat dieser Mann sich bloss dabei gedacht? Diese verdammten 5 Züge! 1. e2–e4 e7–e5 2. Sg1–f3 Sb8–c6 3. Lf1–c4 Sg8–f6 4. Sf3–g5 Lf8–c5 – Was soll das bloss?“

Ich schaute – sicherlich verstört – noch einmal genau hin. Das da war ohne Zweifel mein 6-jähriger Sohn, der noch nicht richtig lesen kann. Nun war mir zum Weinen zumute. Ich verzog mich rasch in die Küche, und während ich mir ein Glas Mineralwasser eingoss, spürte ich, wie Eiseskälte über meinen Rücken kroch.
Irgendwer, oder irgendwas hat mir meinen Sohn gestohlen, hat ihn dem königlichen Spiel geopfert.
Er ist sechs Jahre alt, aber seine Kindheit ist beendet.
Und ich? Ich habe meinen Sohn verloren.

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