327 – Prüfung

Prüfsituationen haben mich nicht sonderlich beeindruckt.
Ich habe stets alles geschafft, aber niemals mit Glanz.
Aber es gab zwei Ausnahmen.

Die erste: Bei IBM hatte man mich auf Brauchbarkeit für die Computerei getestet.
Ich bin von Pauken und Trompeten begleitet untergegangen wie ein Stein im Vater Rhein.
Einige Jahre später bin ich dann in die IT eingestiegen und habe dort 35 Jahre lang mein Brot verdient. Gewiss würde ich auch heute noch den IBM-Test nicht bestehen.
Soweit mein einziger Misserfolg.

Die zweite: Ich war aus dem Job ausgestiegen, hatte Zeit und Muse, und wollte nun ein wenig Motorrad fahren. Dafür musste ich a. den Autoführerschein erneut machen und b. den für Motorrad oben drauf. Ich fand das garnicht toll, denn es roch nach Arbeit. Das wars dann auch. Aber irgendwann sass ich mit 23 anderen Aspiranten über den Prüfungsbögen „für Theorie“. Ich schaute mich im Saal um und erkannte: Dort hatte ich nichts verloren. Um mich herum nur junges Gemüse, und ich der einzige mit weissem Haar, und in den jungen Gesichtern stand die Frage geschrieben, was der alte Sack hier will. Der Mann vom TÜV hatte das Gleiche wahrgenommen und klärte auf. Er ging nach vorne an seinen Tisch und brüllte in den Saal: „Herr Risch, die Prüfungsbögen für Motorrad bringe ich Ihnen, wenn sie mit Auto fertig sind!“ Ich schaute mich um. Etliche Gesichter hatten nun auf Mitleid umgeschaltet. Die meisten auf neugierig. „Ob der Alte das schafft?“

Nun legte der Alte los, und winke irgendwann mit den Prüfbögen Richtung Prüfer.
Der: „Herr Risch, fertig? Ich bring jetzt Motorrad!“ Während er meine Fehler raussuchte, hatte ich die neuen Bögen rasch durchgearbeitet und rief wieder nach dem TÜV. Der schnappte sich mein Machwerk und suchte erneut nach Fehlern.

Ich dachte so für mich: Alter, jetzt wirds peinlich! Das Junggemüse hockt immer noch über Auto und verzweifelt an den Vorfahrtsregeln – als der Prüfer vorne wieder losbrüllte:
„Herr Risch, null Fehler! Sie können gehen!“ Ich sagte rasch „Tschüss!“ und wandte mich zur Tür. Schaute kurz über die 23 verbliebenen Prüflinge, die nun mit Dackelblick geschlagen waren, und bevor Mitleid in mir hoch kam, war ich schon weg.

Ich sass in meinem Auto, hatte meinen Heiligenschein beiseite gelegt, und fragte mich, was man mit dieser Jugend so anstellen könnte, in einer Zeit, wo man für die Stadtreinigung schon das Abi braucht. So denkt nur ein Idiot. Prüfungsdruck ist von besonderer Art, denn er trägt den Keim des Versagens in sich. Und wenn ich diesen Druck nicht spüre, so bin ich wohl nicht ganz dicht. Ernüchtert bin ich dann nach Hause gefahren, und meinen Heiligenschein schob ich in die Restmülltonne. Des Nachts leuchtet sie immer noch ein wenig – eine Mahnung:

„Es kommt im ganzen Leben nur darauf an, sich selbst an die zweite Stelle zu setzen.“

Sagte Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818 – 1883), russischer Erzähler und Dramatiker.

Und ich ergänze Herrn Turgenjew:

„Auf Platz eins sitzt immer schon einer, der dort ganz gewiss nicht hingehört.“

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