296 – Verschwunden

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

So klagte Goethe’s Dr. Faust – und so klage ich heute.
Ich stehe tatsächlich in dieser Felseneinöde und starre auf ein Felsentor, das nur dazustehen scheint, um die Tristesse rätselhaft erscheinen zu lassen.
Ich weiss nicht, wie und warum ich hierhergekommen bin, oder auch, warum man mich an diesen Ort brachte.
Fakt ist, dass ich hier stehe,
dass ich nicht weiss, wo das Hier ist,
dass ich nicht weiss, warum ich hier bin,
nicht weiss, wer mich hergebracht hat,
und Datum sowie Uhrzeit nicht kenne.

Aber ich wusste, dass ich hungrig und durstig war,
und ich wusste, dass ich dringend zurück in die Zivilisation muss.

Ich ging ein paar Schritte auf das Tor zu, fasste den Fels an.
Er steht in glühendem Sonnenschein und ist ist eiskalt.
Ich schaute durch das Tor.
Die andere Seite gleicht dem Platz vor dem Felsbogen, mehr ist nicht.
Aber eine innere Stimme warnte mich, das Tor zu durchschreiten.
Die Kulisse dahinter könnte trügerisch sein.
Ich fragte mich vergebens, was geschieht,
wenn ich das Tor links oder rechts umgehe.
Lieber nicht, lieber nicht!

Noch bevor ich Verzweiflung entwickeln konnter, legte ein Boot an und ein Mensch stieg aus.
Er schritt auf das Tor zu und hindurch – wurde unsichtbar.
Sein Boot legte unbemannt ab und verschwand.
Es dauerte eine Weile, bis ich den Schreck überwunden hatte.
Dann griff ich einen faustgrossen Stein und warf ihn in das Tor.
Er prallte lautlos von einem Nichts ab und fiel zu Boden.
Ich verstand nichts. Wollte nur noch weg.

Wenig später wiederholte sich der Vorgang.
Ein weiterer Mensch verschwand im Nichts.
Aber ich sass im Boot. Es trug mich durch einige unbekannte Bilder
und legte an einem alten Steg an.
Ich wusste, es sind nur noch wenige Schritte bis nach Hause, zu meiner Familie.
Sie sagten mir, ich sei 18 Monate lang unauffindbar gewesen.

Mir scheint, eine höhere Instanz hatte mich geholt – und wieder zurück gegeben.
Ich bin gelassen und lächle still in mich hinein.

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