267 – ArsVivendi

Ich lebe mit einem Minimum an Arbeit und viel Freizeit. Ich kultiviere diese Freizeit intuitiv zur Muße. Das bedeutet, dass ich über die Verwendung von Zeit selbst bestimme. Aber die tägliche Praxis lehrt mich, dass Muße im Wortsinne nicht immer erlebt werden kann, denn es wirken allerlei Zwänge dagegen. Substantielle Gedanken koalieren mit Emotionen und fremdbestimmten Parametern, recht unbequeme Verbindungen. Sie fordern unentwegt dazu auf, nachzudenken, im schlimmsten Fall gar zu analysieren.
Ars vivendi ist eine lebendigeAngelegenheit. Sie bedeutet, auch mit der Unvollkommenheit zurecht zu kommen.

Idealistisch nannte Cicero dies dennoch „Otium cum dignitate“, also würdevolle Muße. Vielleicht wollte er damit einen Zustand beschreiben, den man im Japanischen mit Za-Zen benennt, den Weg in die Meditation. Diese Vermutung entbehrt allerdings jeder Grundlage. Ich habe Cicero nicht persönlich kennengelernt.

Nun, in diesen Tagen beschäftigt mich meine eigene Lebensart. Damit ist nicht die Kunst zu leben gemeint, sondern die Art und Weise, wie ich mein Leben gestalte. Äussere Umstände erzwangen nämlich tief greifende Wechsel.

Nun breitet sich in meiner inneren Welt das Gefühl aus, meine neue Lebensart sei nur ein Provisorium. Wenn mich dieses Gefühl nicht trügt, so schliesst das die Notwendigkeit zu einer endgültigen Lösung ein. Vielleicht läuft ein Prozess ab, dessen Ergebnis ich nicht kenne? Vieles, gar ein Open end wäre dann möglich.

Ich denke, zur Sicherheit beende ich das Provisorium, schreibe den Istzustand fest und schiebe tapfer alle Alternativen in die langfristige Planung. Auch wenn Bert Brecht spöttisch schrieb:

Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.

%d Bloggern gefällt das: