260 – Poesie

Ich glaube, man muss als Lyriker geboren werden. Wer dieses Privileg nicht hat, sollte die Finger von der Lyrik lassen. Man schaue nur ins Netz – dort findet man nahezu nur Murks, und beim Lesen glaubt man, an den Gehirnkrämpfen der Autoren mitleiden zu müssen. Vorweg genommen: Ich gehöre dem Heer der Unfähigen an. Mein Sprachvermögen reicht bei weitem aus, eine Bedienungsanleitung für Kaffee-Vollautomaten zu schreiben. Aber die Sprache eines Rainer Maria Rilke ist äonenweit entfernt von mir. Ich bedaure dies, aber ich bin auch sicher, dass Rilke keine ordentliche Bedienungsanleitung zustande gebracht hätte. Es gilt noch immer die uralte Binsenweisheit: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten!“5

Den Schnabel wetzt Frau Lämmergeier,
hackt auf der Nachbarin herum,
dabei verliert sie Geier-Eier –
für sie läufts heute wirklich dumm!

Der Alte kreischt: Nun halt mich fest!
Die Mulde ist noch immer leer!
Jetzt scher´Dich bloss in unser Nest!
Vier Eier müssen dringend her!

Quak´ bloss nicht rum, es ist zum Lachen!,
die Geierin bleibt richtig cool.
Ich werde rasch vier neue machen,
hab ohnehin schon Kalk im Stuhl! (Uii!)

Ich weiss nicht, ob die Brut gelingt,
bin ständig angemeiert
vom Alten, der mich nicht bespringt,
nach andren Weibern geiert.

Jetzt guck Dich bloss mal richtig um!
Der fiese Alte keift und meckert,
und kommt der Geierin nun dumm:
sie hätte sich mit Schiet bekleckert,

und – das ist auch nicht gerad fein –
sie sei zu träge und zu feist!
Ein dicker Hintern wie ein Schwein,
Der Geier wird jetzt richtig dreist!

Nun wird der Geirin Blick sehr kalt.
Schau Dich nur an, Du Sack!
Der Pürzel schlaff, krumm die Gestalt,
Im Kopf nur Gift! Jetzt pack!

Sprachs, und ein rascher, harter Tritt
trifft ihn nun in die Klüten.
Sie gibt ihm noch vier Eier mit.
Mag er sie selbst bebrüten.

Die Geirin grinst, der kahle Kopf
neigt sich nun übern Rand
des Horstes. Und würgt jetzt aus dem Kropf
was sich dort drinnen fand.

Den Alten treffen Eierschalen,
D e r Schlag hat nun gesessen!
Er leidet endlich Höllenqualen –
sie hat die Brut gefressen!

Vom Nestrand ätzt es nun herab:
Hau ab zu Deinen Hennen!
Die bringen Dich vielleicht auf Trab!
Dort lernst Du Arbeit kennen!

Und haben sie Dich rangenommen
dass Dir die Flügel lahmen,
dann brauchst Du garnicht zu mir kommen,
ich habe genug von Deinen Dramen.

Ich habe meine eigne Sicht:
Ein Pflegefall bist Du.
Man füttert Dich oder auch nicht,
nur: Meine Tür bleibt für Dich zu!

Der Lämmergeier sitzt und grübelt.
Das war nicht gut gelaufen!
Die Alte hat ihm viel verübelt.
Er muss sich erst verschnaufen.

Beschliesst, nun doch nicht wegzugehn.
Die Stimmung wird auch wieder gut.
Setzt sich ins Gras, sie muss ihn sehn,
Blicke von oben machen Mut.

Nun, es hat nicht funktioniert.
Nicht in der Lämmergeier Sippe.
Wer aus der Reihe tanzt, verliert.
Im Gras sitzt nur noch – sein Gerippe.

Anders bei Rilke und seiner schwarzen Katze:

Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
dran dein Blick mit einem Klange stößt;
aber da, an diesem schwarzen Felle
wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:

wie ein Tobender, wenn er in vollster
Raserei ins Schwarze stampft,
jählings am benehmenden Gepolster
einer Zelle aufhört und verdampft.

Alle Blicke, die sie jemals trafen,
scheint sie also an sich zu verhehlen,
um darüber drohend und verdrossen
zuzuschauern und damit zu schlafen.
Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
ihr Gesicht und mitten in das deine:
und da triffst du deinen Blick im geelen
Amber ihrer runden Augensteine
unerwartet wieder: eingeschlossen
wie ein ausgestorbenes Insekt.

R. M. Rilke spielt Harmonien leise auf der Harfe,
während ich den Radetzky-Marsch auf einer Bass-Tuba blase ….

Vive la différence!

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