215 – Spiegelbild

Machmal weiss ich nicht mehr, was ich tue. Ich behaupte dann, es geschieht mit mir. Das Schicksal hat wieder einmal zugeschlagen. Das da wollte ich nicht. Ausreden mit dem Geschmack von Wassersuppen.

Interessant ist, dass das Gleiche dann festzustellen ist, wenn ich etwas unterlasse. Hierzu steht ebenfalls ein üppiges Bukett an Ausreden zur Verfügung.

Ich bin stets um Ehrlichkeit bemüht. Darum gestehe ich, dass ich gleichzeitig in beide Zustände geraten kann: Ich mache etwas Dummes und ich unterlasse zugleich aus Dummheit Notwendiges. Wer sein Leben auf diese Weise würzt, muss mal in die Autowaschanlage, wo ihm dann die Putzlappen um die Ohren gehauen werden.

Derartige Situationen sind allerdings Raritäten. Völlig normal ist dagegen, wenn man zum Beispiel, wie ich neulich, entscheidet, sich nicht mehr zu rasieren. Warum solches? Für mich ist es normal, dass ich im Bad vor dem Waschbecken sitze. Stehen geht halt nicht. Aber im Sitzen sehe ich mich nicht im Spiegel. Und wenn ich hochkomme, vergesse ich den Spiegel. Also kenne ich mich nicht mehr. Um dem entgegen zu wirken, und mich zu erinnern, schaue ich dann doch mal nach. Dazu bedarf es eines feierlichen Spiegelgangs.

Zugegeben, der letzte Besuch dort war ein wenig desaströs. Erst dachte ich, der Spiegel sei kaputt, so richtig mit Rissen usw. Dann habe ich das Beobachtete verifiziert. Es ist wohl doch meine Visage, die das Alter so geschädigt hat. Und was tut ein kluger Mann? Was eine Frau nicht kann? Er lässt alles mit Wolle zuwachsen und beschränkt sich darauf, die Gesichtslocken zu bändigen. Das macht man heute nicht mehr mit Pomade, sondern mit einem Maschinchen namens Bartschneider. Es benötigt nur zwei Minuten, dann liegen die Locken auf dem Schreibtisch, das T-Shirt ist mit Haar-Resten dekoriert, und die Nase juckt wie der Teufel. Es ist ein wenig wie Schafe scheren – nur dass sich hier das Schaf selbst schert.

Wenn man dem Fernsehn glauben mag, ist Rasieren bei Männern Vintage.
Selbst Promis gehen unrasiert. mich habe allerdings noch nicht entschieden, obe ich nun Christian Lindner von der FDP nacheifern soll, oder Ernest Hemingway; der erste ist mir auch unrasiert zu glatt, und beim zweiten hätte ich Ladehemmung – intellektuelle Upperclass! Wer bleibt mir? Mein Nachbar Herbert. Genau, der geht. Naja. Zwei Schafe? Und wenn schon!

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