192 – Äpfel

Ich wohne im Alten Land bei Hamburg.

Na und? Das ist nicht weiter schlimm. Wer es mag, ist hier gut aufgehoben. In einer Monokultur stehen 6 Millionen Apfelbäume, und die produzieren jährlich so an die 265.000 Tonnen Äpfel.

Na und? Man fährt über Land und sieht immer nur einige davon, wie sie an Bäumen hängen und auf zarte polnische Hände warten, um gepflückt zu werden. Die 265.000 Tonnen zerfliessen einfach, bis in den Mafia-Laden in Kiew, wie ich feststellte. Oder das Flüssige der Frucht landet in Flaschen. In Tetrapacks usw.

Um nun mithalten zu können, hat meine Tochter in unserem Biotop hinter dem Haus Apfelbäume gespflanzt. Das hat sie gut gemacht. Heuer hat sie ihre erste Ernte. 8 Äpfel hats gebracht. Neiiiin, nicht Tonnen – Stück! Verstanden?

Nun war einer der 8 Äppel reif und ist vom Baum gefallen, und ich durfte die erste Ernte verkosten. Was soll ich sagen? Es sollte ein feierlicher Moment werden, ich hatte die Europa-Hymne noch einmal nachgelesen, damit ich „Freude schöner Götterfunken“ singen konnte – es ist nichts draus geworden. Dieser erste Apfel, dieses Scheiß-Fallobst war so sauer, als hätte es 7 Wochen in Apfelessig geruht! Und ich musste dieses „Ding“ komplett essen, denn als Apfelbauer kapituliert man nicht.

Was ich nicht brachte: Ich habe nicht unter Tränen (wegen der Magenschmerzen) die Ode an die Freude abgesungen.

Was ich brachte: Morgens um halb elf habe ich mir einen 3-fachen Cognac gegönnt. Das war um zwölf Stunden zu früh, aber mein Magen vergass den Apfel und schmerzte nun wegen Alkohol – aber so ist das viel besser.

Die Altländer Bauern sind seit Jahren bemüht, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Aber das Weltkulturerbe wird jedoch nicht erkannt. So können wir mit unserer Attraktion, ein Apfelbaum, der vergesslich ist wie ein Mensch beim Kochen, einen kleinen Beitrag leisten. Es ist ein Apfelbaum, der vergisst, den Fruchtzucker in seine Früchte einzuarbeiten. Ja, das ist wie bei Salzkartoffeln, die ohne Salz gegart wurden.

Ein wenig Marketing, und schon strömen die Touristen durch unser Biotop, um den vergesslichen Baum zu bestaunen. Und ich? Ich verkaufe Bier und Bockwurst an sie. Mit unseren Äpfeln kann ich kein Geld verdienen.
Veganer Surströmming frisch vom Baum gepflückt! Das treibt dem Landwirt Tränen in die Augen und die Touristen aus dem Land.

Wenn sich früher der Volkszorn entfaltete, rief man „Steinigt ihn!“
Heutzutage würden die Touries hier, im Alten Land brüllen „Äpfelt ihn!“
Ich brauche das nicht.
Vielleicht steigen wir um auf Mehr Tomaten müssen her.
Die Tomatenernte 2021 war überaus zufriedenstellend.
„Tomatet ihn!“? Quatsch.
Wir essen unsere Ernte.
Sie ist zu schade zum Werfen.
Ja, auch wenn ein Bundeskanzler vorbei schaut.
Dann sind eh nur Eier angesagt.
Ei mit Schnittlauchröllchen auf dem Sakko – pikant!
Und gut zu sehen, also werbewirksam.
Hält sich im Textil bis in die Chemische Reinigung,
man hat also lange etwas davon.
Das Volk brüllt „Dottert ihn! Eiert ihn!“

Ich erkenne, in einen ziemlich infantilen Traum geschliddert zu sein.
Es ist das Alter. Ich bin 81. Es ist 09:25 Uhr, und ich habe noch keinen Alk gehabt. Sowas kommt von sowas. Weiss jeder. Nur schreibt er es nicht irgendwo hin. Ich schon. Was sollte ich sonst damit machen ….. etwa drauf sitzen und brüten?

2 Antworten auf “192 – Äpfel”

    1. Mit Zurückhängen von Äpfeln habe ich Erfahrung. Mein Sohn war 4, als er abhängte. Die Vermieterinhängte zurück, damit ihr Alter nichts bemerkte. Eine Weile ging das gut.

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