189 – Draussen

In unserem Haushalt leben zwei Katzenweiber, beide kastriert. Ab und zu gesellen sich zwei Kater dazu, sind also zu Gast, fressen mit und chillen in Brotkörben, die für die Weiber auf dem Küchentisch stehen. Die Kater sind auch kastriert. Sagen wir mal: Es sind platonische Freundschaften angebahnt.
Katze 1 ist Titi, die – mit menschlichen Masstäben gemessen eher in die deftige Kategorie der Wikinger-Weiber gehört. Sie schleppt ständig Schmetterlinge ins Haus und macht dabei einen Heidenlärm. So verlangt sie Anerkennung für ihr Jagd-Talent.
Katze 2 – Du glaubst es nicht – sie heisst tatsächlich Priscilla. Wir nennen sie Cilla, und auf diesen Namen hört sie nicht. Sie ist klein und zierlich, also mediterrane Rasse, und friert sich den Hintern ab, da sie keine Unterwolle im Fell hat. Und sie ist weit und breit die einzige Katze, die statt 34 nur 4 Zähne im Maul hat. 30 Zähne wurden ihr rausgerissen, um eine Entzündung zu stoppen. Derart verstümmelt jagt sie Mäuse und liefert gelegentlich auch mal eine halbe Spitzmaus bei ihren Menschen ab. Schreien wie Titi kann sie nicht. Wenn sie etwas zu regeln hat, quietscht sie wie ein altes Fahrrad, nur nicht so laut. Und wenn sie sich wohlfühlt, sabbert sie wie ein Neufundländer-Rüde.
Dumm, dass sie sich beim Schmusen so wohl fühlt. Der Mensch ist dann vollgesabbert und kann sich anschliessend umziehen. Und Du denkst, Du seist auf diese Weise der Natur ganz nahe? Depp!

Jaaa, dann werden draussen auch die Vögel gefüttert. Damit liegen meine Futterkosten bei knapp 230 Oiro pro Monat (Igelfütterung inbegriffen). Aber glaube nicht, für mich wäre mal ein schönes grosses Schweineschnitzel drin. Davon träume ich nur, und es soll mich trösten, dass wir auch für die Insektenwelt investiert haben, in Insektenhotels und solchen Kram, und vor allem in unser Grundstück, das vom deutschen Garten in ein Biotop umgebaut und umgepflanzt werden musste, ganz zu schweigen von Obstbäumen und Ranken wie Weinreben – und solches Zeug, was in toto einige Tausender gekostet hat.

So stelle ich fest, dass das „Zurück zur Natur“ richtig Geld kostet. Und ich dachte immer, es würde ausreichen, draussen einfach nichts mehr zu machen, alles wild wachsen zu lassen, etwa wie die Brennesseln für Schmetterlingslarven. Nein! Es muss blühendes, insektenfreundliches Zeug da sein für Frühling, für den Sommer, und für den Herbst, also bis die Biester alle tot vom Baum gefallen oder in den Insektenhotels für den Winter eingepennt sind, wie die Igel das in ihren Laubhütten praktizieren. Lamentieren darf man nicht, sonst kriegt man einen Rüffel: „Gib Ruhe, sonst hole ich noch zwei Kragenbären dazu! Dann hast Du einen Grund, zu meckern!“

Merkst Du was? Ich sage es Dir: Überall entstehen Diktaturen, und Leute wie ich haben nichts mehr zu melden. Ich bin 81 Jahre alt, habe in meinem ganzen Leben den Widerstreit zwischen Arbeit und Faulheit ertragen, sogar zeitweise vehement gegen die Arbeit angekämpft, und nun, im Alter d a s , und keine Schnitzel! Keine! Weisst Du was? Das treibt mich direkt in den Alkoholismus. An Abend schütte ich mich aus Kummer zu, mit dem Fusel zu 170 Oiro die Flasche. Mit 81 ist`s nicht mehr von Belang. Ich brumme höchstens mal mit dem Rollator gegen eine Kloschüssel oder reisse den Sauerstoffschlauch von der Maschine – mehr geht garnicht. Ich kann noch nicht mal die Bude anzünden, da ich Nichtraucher bin! Was für ein Leben …..

Tut mir leid, ich musste das einfach mal loswerden! Passiert in diesem Monat nicht wieder.