181 – Ansichten

Ja, ich esse gerne Fleisch. Und konsequent akzeptiere ich, dass dafür Schweine geschlachtet werden. Alles normal, nicht wahr? Nun bin ich allerdings auch in dieser Frage schief gewickelt. Ein Schwein ist keine Sache, sondern ein Lebewesen wie ich. Und ich lasse es töten, damit ich meine Schweinelende auf den Teller kriege. Ist das auch normal? Schlimmer noch: Ich habe mehrfach bei Hausschlachtungen erlebt, wie ein Schwein, das wusste, was mit ihm geschehen sollte, in Angst und Panik geriet, nicht mehr zu halten war, flüchtete und mühsam wieder eingefangen werden musste.
Ich habe zugeschaut, wie ein Schlachter auf das panische Schwein einprügelte, bis es still lag und er endlich sein Bolzenschussgerät ansetzen konnte.

Schliesslich war die Sau tot und zerlegt, und die ersten Koteletts schmurgelten in einer Pfanne – und sie waren köstlich. Vollgefressen und zufrieden lehnt man sich zurück, trinkt noch zwei Kurze zur Verdauung, und hat das Drama vom Vormittag verdrängt.

Das bin ich. Und das macht mich nicht stolz. Ich frage mich, wieviele Seiten meine Persönlichkeit hat – die bestialische kam schon mal zum Vorschein.

Das schauderhafte Bild vom Schweinetöten übertrage ich auf das Bäumefällen. Als ich mitkriegte, dass man in Ostdeutschland ganze Alleen dem Strassenverkehr geopfert hat,. packte mich kalte Wut. Auch ein Baum ist ein lebendes Wesen. Darf man ihn einfach niedermachen, so wie man Naturstein „erntet“? Darf man eine 400 Jahre alte Buche einfach umlegen und zu Brettern verarbeiten? Wieso schmerzt das keinen Menschen? Welcher Depp hat dafür gesorgt, dass Bäume nicht weglaufen können? Dass sie nicht schreien können, wenn die Motorsäge naht?

Die Bestie kommt wieder zum Vorschein. In unserer Küche steht ein von Hand gebauter Holztisch, massiv aus Esche gefertigt und schwer wie ein Findling aus eiszeitlicher Endmoräne. Das Haus kann niederbrennen bis runter zum Fundament – dann wird der Tisch in der Ruine stehen und darauf warten, dass man ihm wieder Stühle zuordnet, und eine grosse Platte mit leckeren Schweinekoteletts.

Und ich werde argumentieren, dass mein Verhältnis zum Baum/zum Schwein ein anderes ist als zum Tisch/zum Kotelett. Dabei mag es Zuhörer geben, die solchen Quark als „weise gesprochen“ beruhigt akzeptieren, und damit dem Konflikt entkommen. Wahr ist allerdings nichts weiter als eine Schwäche im Wesen der Menschen, sie sind einfach nicht konsequent. Bertold Brecht hat es deutlich zum Ausdruck gebracht:

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“

….. eigentlich ist die Lage noch viel schlimmer. Züchtet man nicht Soldaten in Armeen, um sie irgendwann in den Tod zu schicken und auf diese Weise Zugriff auf Erdöl oder andere Schätze zu organisieren?

2 Antworten auf “181 – Ansichten”

  1. Ja, wir sind sehr widersprüchlich: aber Eschentisch und Schweinskoteletts mögen ist eines, Ealdrodung und Massentierhaltung das andere. Dazwischen gibt es eine lange Reihe an Umgang mit Natur. Ich esse Schwein gern aber selten und wenn ich mir einen Holtisch kaufe, dann einen der voraussichtlich lange hält und aus meiner Region stammt. Das ist zwar nicht ganz befriedigend, aber ein Weg.

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