179 – Viehzeug

Das deutschge Erbrecht hat es so gewollt, dass mir nur noch die Hälfte meines eh schon kleinen Vermögens gehört. Auf dieser Tatsache setzen nun mein Harmoniebedürfnis und meine Einsicht in die Realitäten auf wie ein Sahnehäubchen. Und so kommt es, dass ich in einem schleichenden Prozess die Hoheit über mein „Reich“ verloren habe. Und dies hat Folgen.

Was einmal „Garten“ genannt wurde, heisst nun „Biotop“, und dies zu Recht. Alles, was früher gnadenlos per Gift oder scharfen Waffen wie Heckenschere und ähnliches ausgerottet wurde, ist wieder da. Selbst die Braune Wegeameise wird geachtet, solange sie nicht den Weg ins Haus und zum Honigtopf gefunden hat. Ja, man kann feststellen, dass draussen wieder Leben ist. Und wie! Da ist zum Beispiel eine Gang des Spatzenvolks, die frisst Meisenknödel eimerweise. Ich habe nicht verstanden, wieso diese fetten Vögel noch fliegen können.

Katzen? Heute nicht. Nur, dass wir bei 30 aufgehört haben, zu zählen, was in unserem Wohnviertel diesbezüglich so abgeht.

Bevor Du fragst: Jawoll, Igel gibt es auch. Anscheinend reichlich, nur ….. Igel sind wahre Dreckschweine. Und wir haben den Fussboden in Flur und Küche mit marmor-artigen weissen Fliesen ausgestattet, darum sieht man den Schmutz, den unser Igel ins Haus trägt, besonders gut. Wie bitte? Doch. Dieses kranke Mistvieh hat den Weg zu den Futternäpfen der Katzen gefunden; er kommt durch die Katzenklappe rein ins Haus, und wenn er wieder draussen ist, kann geputzt werden. Besonders vergnüglich sind die Tischmanieren der Igel. Sie fressen, wie man das vom Hausschwein kennt.

Ein solches Ferkel kommt jetzt ins Haus. Und ich sorge mich, weil ich nicht weiss, was dem Tier sonst noch einfällt. Ich laufe mit einem Alptraum herum: Möchte am Abend in mein Bett, und es liegt der Igel drin, voller Flöhe und anderen Parasiten, und schnarcht vor sich hin. Und ich muss mich – aus Tierschutz-Gründen – zurückziehen in mein Arbeitszimmer und im Bürostuhl übernachten.

Als Kaufmannsgehilfe muss ich akzeptieren, dass mein Eigentum nicht 50 Prozent vom Ganzen beträgt, sondern deutlich weniger. Hier macht jeder, was er will. Und wenn eine unserer Katzen eine lebendige Maus ins Haus bringen will, dann habe ich das zu dulden. Sollte der Igel auf die Idee kommen, hier im Haus sein Winterquartier einzurichten, so habe ich mich geehrt zu fühlen – nicht jeder hat seinen Haus-Igel! Ich bin auf der Suche nach einer neuen Identität. Bin ich etwa so etwas wie ein Nachfolger von Franz von Assisi? Unvorstellbar. Vielleicht ist meine Tochter etwas ähnliches – eine Franziska!

Ich jedenfalls spreche nicht mit Vögeln, sondern esse sie, wenn sie vom Grill kommen.

2 Antworten auf “179 – Viehzeug”

    1. „Auch wenn du die Natur mit der Mistgabel austreibst, wird sie immer zurückkehren.“ So Horaz in seinen Epistulae 1,10,24.

      Er irrte. Die Natur lässt sich nicht austreiben. Sie beherrscht das Leben, ist universelle Allmacht, uznd ihr Wirken basiert auf dem, was der Mensch als Naturgesetze vorgefunden hat. Dies schliesst die Fähigkeit mit ein, dem Zufall endlosen Spielraum zu geben.

      Denkt die Natur? Wozu sollte sie?

      Wenn ich sie des Spasses wegen personifiziere, und ich lasse sie eine Revision der Erde durchführen, so finde ich in ihrem Gemüt nichts weiter als Gelassenheit. Und sie würde denken: Der Mensch hat das Gesicht der Erde verändert. Na und? Ich gebe ihm noch ein paar Jahrtausende, dann hat er sich selbst erledigt. Bis dahin redet er von Naturschutz, den keiner braucht, und vernachlässigt den Menschenschutz, der dringend benötigt wird.

      Aber so ist er, der Mensch. Aufs höchste ambitioniert, aber erschreckend unvollkommen.
      Macht nichts. Schliesslich gibt es die Kakerlaken – die haben sich nahezu perfekt entwickelt. Nur noch wenige Entwicklungsschritte, und sie werden die Erde beherrschen – aber nicht mich, die Mutter Natur.

      Und ich, die Natur bin in diesem Kosmos allgegenwärtig. Ich bin das, was die Menschen ahnungslos „Gott“ nennen.

      Gefällt 2 Personen

Kommentare sind geschlossen.