172 – Wendepunkt

Es sind nun 2 Wochen vergangen, seit mich ein Bakterium von den Füssen holte, und ich – halb im Tran – in einer Klinik gelandet bis. Alle, die sich um mich bemühten, mussten vor meinem Gewicht kapitulieren. Irgendwann gesellten sich zwei kräftige Burschen zur Hilfsmannschaft, und dann ging es wie geschmiert. Leider habe ich davon nichts mitbekommen. Es muss ausgesehen haben, als würde man einen toten See-Elefanten verladen. In der Klinik hat man mich wieder auf die Füsse gestellt, und nun bin ich wie neu – nur alt.

Ich habe reichlich Klinik-Erfahrung. Das Haus in Stade werde ich , solange ich mich wehren kann, nicht mehr betreten. 5 Tage dort waren 5 Tage Ärger. Bei mir will das etwas heissen, denn ich bin geduldig, weiss um den personellen Notstand beim Pflegepüersonal usw. Ausserdem bin ich harmonie-süchtig. Letztlich war das Ganze doch nur eine Episode in meinem Leben, und kaum der Rede wert.

Schön wäre es. Leider bin ich in diesen 5 Tagen vom schwerbehinderten Greis mit wachem Verstand mutiert zu einem schwachsinnigen Tattergreis, der nicht mehr bis 7 zählen kann und seine Medikamente wegwirft, statt sie einzunehmen. Tenor der Ansage: Man könne sich nicht mehr darauf verlassen, dass ich die 7 Pillen regelmässig schlucke. Mit diesem Problem haben sich meine Tochter, der Pflegedienst, die Hausarztpraxis und die Klinik anscheinend per Telefonkonferenz intensiv beschäftigt, bis schliesslich eine Krankenschwester in der Klinik an meinemk Bett stand und sich quälte, mich zu informieren und mir eine Zustimmung abzupressen, dass der Pflegedienst nun täglich kommen wird, um mir meine Pillen zu servieren. Tatsache ist, dass ich mich nicht daran erinnern kann, jemals „die Pillen vergessen zu haben“.

Klar, wenn man so nolens volens von Amts wegen zum Deppen herabgestuft wird, kommt man ins Grübeln. Aber ich habe meinen Vorteil in dieser neuen Lebensphase glasklar erkannt. Bestandskontrolle, Reichweiten berechnen und Nachschub beschaffen – diesen Job bin ich nun los. Den machen nun andere für mich.

Aaaber: Man glaube nicht, das Thema wäre somit erledigt. Heute früh schaue ich in die angelieferte Pillenbox ….. und zähle 6 Tabletten, statt 7. Das Mädel vom Pflegtedienst war ein wenig perplex, und ich belustigt. Ich weiss auch, was fehlt, und es war mir ein Vergnügen, anzusagen: Es fehlt das Lercanidipin!

Leider bin ich nicht boshaft. Ich kriege es nicht hin, nun den geistig behinderten Opa zu spielen, also die Puppen tanzen zu lassen; die vielen schönen Ideen dazu bleiben wohl in der Schublade.

Ernsthaft, und mit ein wenig Distanz betrachtet, haben solche Eingriffe eine unerfreuliche Wirkung. Sensible Naturen – ich gehöre nicht in diese Gattung Mensch – müssen meine Pillen-Tramödie als entwürdigend empfinden, als Demontage der Persönlichkeit. Der andere Fall: Ich habe meine Autoschlüssel freiwillig und aus gutem Grund abgeliefert.
Ich habe entschieden, nicht mehr zu fahren. Das fühlt sich ein wenig anders an als diese Zwangs- und Teil-Entpillung.