165 – Prekarier

Seit Wochen vermisse ich Neues aus Werners Traumlounge. Wo zum Teufel ist Werner Philipps abgeblieben? Wer weiss etwas dazu?


Heute ist mir ein wenig nach Nabelschau zumute. Das ist nicht gut. Ich bin ein Wahrheitsfanatiker. Ich bin’s ungern, aber unbestreitbar deutsch bis auf die Knochen.
Darum sage ich, wie es ist:

Ich laufe herum wie ein ….. wie soll ich es ausdrücken ….. wie ein Typ, dem alles fehlt, Selbstachtung, Geld, eine warme Mahlzeit täglich, eine Rechtsschutzversicherung und so fort. Meine Brille ist neuerdings kaputt, meine Hose schon seit Monaten. Noch halte ich sie mit einer Kordel über meinem Bauch, aber irgendwann wird sie mir einfach auf die Füsse fallen. Schuhe besitze ich nicht. Meine Shirts sind regelmässig mit Essensresten eingesaut.
Ich rasiere mich nicht mehr. Was in meinem Gesicht nun wächst, sieht aus wie Sauerkraut.
Schmeckt aber anders, je nach dem, was ich gerade gegessen habe. Kein Zweifel, ich bin eine masculine Schlampe. Und diesen Status gönne ich mir. Schliesslich hänge ich am Sauerstoff und kann das Haus nicht verlassen. „Doch wie’s da drinnen aussieht (im Haus natürlich), geht niemand was an.“ (aus einer Operette, das Land des Lächelns von Lehar, glaube ich).

Es ist mir längst bewusst: Wäre ich Biene, man hätte mich längst getötet. Die fetten Drohnen haben einen Job zu erledigen, dann ist für sie daddeldu. Ich aber bin Mensch – ob man das nun erkennt oder nicht. Und ich schaffe immer noch ein wenig Honig ran.
Das nur nebenbei.

Es sind nun 25 Jahre vergangen, seit ich aus der Ukraine zurück kam. Kaum angekommen, zerschlug ich meine Armbanduhr. Eine neue musste her. Ich suchte ein Fachgeschäft auf, und liess mich beraten. Man hatte mich dort gleich als Underdog erkannt und bot mit aus der Kollektion unter 100 DM diverse Modelle an. Ich fühlte mich getroffen, lehnte brüsk ab und verlangte nach mittlerer Preisklasse. Die Auswahl sah aus wie die Billigware. Ich fragte nach: War’s das? Plötzlich wurde der Verkäufer mutig: Ich hab da noch was besonderes:
Es war eine Omega Seamaster. Ich legte das Ding an, blickte zu meiner Frau, und sagte: Das ist sie. Sie nickte, und ich zuckte nicht mit irgendetwas, als ich den Preis erfuhr. Ungerührt zückte ich eine Kreditkarte, und selbst heute juckt mich diese Ausgabe nicht.
Was weh tut: So alle 5 Jahre ist eine Wartung fällig. Die letzte kostete mich 700 Oiro.
Dafür bekäme ich 23 Billiguhren, die ähnlich aussehen wie die Seamaster. Ich rechne mir diese Kosten dann schön: Es sind ja nur 38 Cent pro Tag – das kann ich mir noch leisten!

Dumme Sache. Die Seamaster habe ich ramponiert, sodass sie zu meinem Outfit passt. Ich habe ihr das Kronrad des Heliumventils glatt abgedreht. Als geborener Hinterwäldler bin ich ein wahrer Grobmotoriker.

So. Nun kannst Du Dir von mir ein Bild machen. Füge alles zusammen, stelle eine Flasche Riesling daneben, und dann hast Du mich zu fassen. Aber besser, Du lässt das bleiben.

Vielleicht bin ich ein Bohémien, und weiss es nur nicht? Natürlich bin ich kein Künstler – da frei von Talenten, aber – kann sein – ein Prekarier, der wie ein Fettauge oben auf seiner Klasse schwimmt …..

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