158 – Seltsam

Ich habe vergessen, wann das war. Mein Hausarzt stellte eine Schilddrüsen-Überfunktion fest. Es wurde nachgeschaut, woher das kam, und fand einen Knoten an dem Organ. Nach einigem Hin und Her landete ich in der Onkologie einer Spezialklinik. Dort verordnete man mir eine Radiojod-Therapie. Ich wurde in ein Behandlungszimmer komplimentiert. Dort war ich allein, und eine Stimme aus einem Lautsprecher forderte mich auf, die kleine Kapsel, welche ich auf einem Tisch vorfand, zu schlucken. Aha, Jod90 – hochradioaktiv.
Ich schluckte das Ding – und strahlte. Nur von innen nach aussen. Mein Gesicht war ernst geblieben, denn als ich nach draussen ging, wich das Personal zurück auf 3 m Abstand ….. und grinste. Ich wurde angewiesen, auf direktem Weg zurück in mein Zimmer zu gehen und dort 3 Wochen zu verweilen. Dann wäre die Gefahr, andere Menschen zu verstrahlen nicht mehr gegeben. Ich kriegte einen Geleitschutz, der vorneweg ging und die Leute, die meinen Weg kreuzten, verscheuchte. Ich verstand endlich: Ich war für 3 Wochen toxisch!

Im Zimmer erwartete mich ein Leidensgenosse. Er zeigte mir die unter Glas angelegte Dachterrasse, mit Bibliothek, tollen Liegen, viel Grün – ich wusste, hier ist gut sein. Mein Bettnachbar war ein angenehmer Typ, Gewerbelehrer , und in meinem Alter – das Essen war weitaus besser als in anderen Kliniken, und wir hatten unsere Ruhe, da sich kein Personal in unsere Nähe traute. Es war ein wenig wie im Urlaub.

Nach 2 Wochen verabschiedete sich mein Nachbar – er hatte seine Zeit abgesessen. Und jetzt kam’s. Pass auf. Von Stund an wurde mir das Dessert nicht mehr in einer Glasschale serviert, sondern in einem Blechnapf. Es war mir gleichgültig. Aber nicht der Krankenschwester, die das Essen brachte. Aus 3 m Entfernung kam die Erklärung für diese bemerkenswerte Veränderung: Herr X. ist nun weg. Er war privat versichert, daher kriegte er in Glas, und ich ebenfalls, da es entwürdigend wäre, wenn einer aus Glas und der andere aus Blech futtern müsste. Die Vorschrift sagt, dass ich nun, eine Woche allein auf Bude, aus dem Edelstahl essen müsste – es ginge nur um das Dessert. Kartoffeln und Sosse kämen wie bisher in Porzellan. Aha, dachte ich. Herr X. ist privat versichert, und ich ….. zack ….. bin nun wieder Kassenpatient.

Prompt fiel mir ein Roman von Hans Fallada ein: „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst.“
Eine Knastgeschichte. Und ich: Unschuldig eingeknastet! Ich glaube, mich zu erinnern:
Dieses Bild, dieser Vergleich bereitete mir Vergnügen. Leider war die Krankenschwester peinlich berührt und fand das Ganze garnicht lustig. Und ich, unsensibel wie ein Baumstumpf im Schwarzwald, hätte meinen Schokoladenpudding auch aus der hohlen Hand gegessen – Hauptsache gut und viel!

Dennoch: Seltsam, was den Büro-Hengsten so alles an Kuriositäten einfällt, die sie dann auch noch realisieren! Entzug des Glasschälchens, aber wohin mit dem Pudding, ach ja, da haben wir ja noch diese Blech-Kübelchen ….

Beim Abschied erzählte mir ein Doc, man hätte die Quarantäne-Regel geändert. Wäre ich zwei Wochen später gekommen, so hätte man mich nach 14 Tagen laufen lassen.
Heute, glaube ich, ist die Knastphase noch kürzer. Aber gewiss gibts den Pudding für kleine Leute wie mich immer noch in Blech! Hätte ich das vorher geahnt, ich wäre mit eigener Glasschale angereist. Ein Zwetschgen-Kompott umfüllen, das hätte ich trotz Jod90 allemal geschafft.