98 – Lumen

Als ich das Licht sah, war mein erster Gedanke, ich würde halluzinieren. Schliesslich lag ich in meinem Bett, es war kurz vor drei Uhr in der Nacht, und ich versuchte angestrengt, wach zu werden. Doch das Licht schien an der Zimmerdecke zu hängen, und es bewegte sich so um 30 cm hin und her, vorn rechts nach links und zurück, wie von einer Mechanik getrieben.

Ich habe umgehend die Insektenwelt ins Auge gefasst und wollte das leuchtende Tier in voller Montur sehen. Dazu schaltete ich meine Deckenlampe ein. Der Raum war nun gut ausgeleuchtet, aber das Licht schwang noch immer hin und her. Es hatte seine Leuchtstärke anscheinend verfünffacht.

Ich war hellwach. Natürlich suchte ich nach der Lichtquelle – es gibt sie nicht. Ich griff zum Besen und fegte die Zimmerdecke mitsamt der darunter liegenden Luftschicht. Das Licht schwingt stoisch im Raum und scheint körperlos zu sein. Und dies auch heute noch, nach einigen Tagen seit dem ersten Kontakt.

Mittlerweile weiss ich, dass nur ich dieses Licht sehe. Deshalb musste ich nach einem Weg suchen, seine Existenz nachzuweisen. Schliesslich ist mir dies gelungen. In einem Spiegelbild können auch Dritte das Phänomen beobachten. Man frage mich nicht, wieso.

Irgendwann, in einer stillen Stunde dämmerte mir, dass das Rätsel nicht durch die Physik, sondern nur mit einem psychischen Kraftakt gelöst werden kann. Ich habe längst akzeptiert, dass das „Ding“ nicht aus unserer Galaxis gekommen ist, sondern zu mir gehört. Es muss etwas sein, das „drinnen“ seinen Platz hat und – warum auch immer – nach draussen gelangt ist. Möglicherweise ist es kein Licht …..

Gottlob bin ich ein begnadeter Fatalist und Prokrastinations-Fan. Ich kann warten. Spätestens bei meinem Tod wird sich einiges klären. Wenn die Lampe nur ausgeht, war sie nicht mehr als das berühmte und oft bemühte „Lebenszeichen“. Sollte das Licht aber funkensprühend durch die Luft und davon zischen, dann ist es mehr. Es könnte zweierlei bedeuten:
Es hat mich tatsächlich eine Seele durch mein Leben begleitet, und mit meinem Tod war ich ganz und gar und überhaupt nicht einverstanden.