88 – Weitblick

Nein, ich meine nicht den üblichen Blick in die Zukunft, der mir dann eventuell Wunschträume vorgaukelt. Es ist für mich schon mühevoll genug, in der Gegenwart den Kopf über Wasser zu halten.

Wohl dem, der mit einem Tunnelblick gesegnet ist. Ich bin es nicht. Im Gegenteil. Ich bin zu einem Blickwinkel von 360° verdammt, ein angeborenes Leiden.

Man steht weit oben, hat eine gute Rundumsicht, und allerlei Seh-Hilfen, um auch noch eine Ameise auf dem Strassenpflaster zu erkennen. Dies scheint ein Privileg zu sein, ist aber tatsächlich ein Fluch. Mal fühlt man sich wie im Shangri-La, diesem berühmten Rückzugsort für Menschen, die die Nase voll haben vom wahren Leben, und ein andermal fühlt man sich, als ob man bis ans Kinn in den Fäkalien einer Sickergrube steht.

Wechselbäder dieser Art sind äusserst ungesund. Sie machen nicht den Kreislauf flott, sondern beschädigen die Seele. Das hat so manchen in den Suizid getrieben.

Was tun? Nun, man flüchtet, versucht es zumindest, und hat dabei auch Erfolge. Wer aber versucht, alle Trigger los zu werden, läuft in ein anderes Messer: Ihn wird die Einsamkeit umbringen.

Den Absturz kommentiert ein Grabstein mit den Worten: „Der Adler ist gelandet.“
Das wäre dann ein letzter Gruss an einen Toten aus einer zwielichtigen Welt.