54 – Sibylle

Ich lag im Gras und genoss die Abenddämmerung. Tiefer Friede hatte mch und die Welt um mich erfasst – als sie plötzlich neben mir kniete. Ich schaute sie lange an; sie war eine klassische Schönheit, die in Wolken von Empathie verpackt schien. Plötzlich beugte sie sich zu mir herunter, ihr schönes Antlitz näherte sich meinem Gesicht, dass sich die Nasenspitzen zu berühren schienen, und sie hob eine Hand und streckte den Zeigefinger mahnend. Dazu sprach sie einige kryptische Worte, die ich nicht verstand.

Der Augenblick hatte ohne Zweifel einen erotischen Reiz zu bieten, und diesem folgend versuchte ich ebenso intuitiv wie unklug, sie auf den Mund zu küssen. Die Sibylle löste sich auf in einen eiskalten Nebel, und so endete eine zauberhafte Begegnung, es blieben eine grosse Leere und die Gewissheit, Wichtiges versäumt zu haben.

Der Lack war ab. Ich hatte es verdorben, und das war der Anlass, endlich aufzuwachen. Ich hatte noch ein paar Minuten nötig, um meine Enttäuschung zu verkraften, dann schlurfte ich in meine Küche und schaute mich eine Weile um. Es überraschte keine Magie des Augenblicks. Die Tristesse des
Alltags erfasste mich wie an jedem Morgen. Nun brauchte ich einen Pott Kaffee, und ganz dringend meine Katze.