Leichte Kost

Politik im Hühnerstall

Ein aufmerksamer Beobachter wird erkennen: Diese drei Vögel sind – um die Menschensprache zu benutzen – gestandene Weiber. In der Menschenwelt würden sie nicht Korn für Korn picken, sondern Doppelkorn schlucken. Dem alten, aufgeputzten Angeber auf dem Misthaufen zeigen sie, mit Absicht mehrdeutig, das Hinterteil. Er fühlt sich als Hahn im Korb seiner Weiber, und sie gackern respektlos vom Hahn im Topf. So sieht es nun mal aus aujf einem ordentlich geführten Hühnerhof.

Es herrscht unausgesprochen das Matriarchat, und den selbsternannten Patriarchen ruft man nur, wenn er gebraucht wird. Das fesselt ihn auf Wolke sieben, er ist aus dem Weg, und die Hennen halten die Produktion in Gange mit einer Legeleistung von 200 Eiern p. a. und einer Brutleistung von vier Eiern plus ein Gips-Ei pro Henne.

Und der Stall-Erste, der Stellvertreter Gottes, der Herr über Leben und Tod, das Bauer?
Er kennt alle beim Namen, kommt oft in den Hühnerstall zum Kuscheln, hat immer eine Handvoll Bruchmais in der Hosentasche, und brummt Kinderlieder – völlig harmlos!

Seine Frau, die Bäuerin spielt gerne den Eisernen Besen. Kommt in den Stall getobt und keift los: „Wo issen die Mizzi widder, das verfluchte Saumensch! Kumm her, isch dreh Dir de Hals um!“ Mizzi hockt aber über der Legerinne und versucht, ein Ei loszuwerden. Die Bäuerin: „Kumm her, Mizzi, bischt meine Liebschde – knuddel knuddel Küsschen auf den Schnabel – gehts der gut?“ Und man sieht, wie Mizzi in Wut gerät; die Farbe vom Kamm tendiert nach lila., und die Hühnerfüsse krampfen wie bei schwerem Gelenkrheuma.

Und die drei? Der Prodescht löst sich auf, wenn die nächste Fütterung bevorsteht. Dann tun alle, Tiere wie Menschen so, als wäre nichts gewesen, als verzichte man auf Rangordnung, als habe man es geschafft, die ideale Form von Demokratie zu praktizieren:
Wenn keiner was zu melden hat, bestimmen alle mit.