Leichte Kost · Surreales

Jette aus dem Münsterland

Sie hatte sich herausgeputzt, frische Röte angelegt, wo Rot angesagt war, die Klamotten gesäubert und geordnet und die Füsse gewaschen. So marschierte Henriette durch das Hauptportal des Reichstags in Berlin direkt in den Plenarsaal.

Man nennt sie Jette, und sie ist der Kopf einer Gewerkschaft, die als UCFW für die Rechte von Legehühnern kämpft. UCFW meint Union of Female Chicken Worker.

Der Plenarsaal war gut gefüllt, wie immer, wenn über die Diäten verhandelt wird. Jette posierte vor dem Rednerpult, duckte sich ein wenig, und legte ein braunes Ei. Im Saal herrschte Totenstille. Dann flog sie auf und landete gekonnt auf dem Rednerpult, um sogleich ihr Anliegen vorzutragen. Mit kurzen Sätzen erklärte sie, dass man es leid sei, täglich minderwertiges Futter fressen zu müssen, das zu 43% aus Dreck bestünde, weil man den Bauern nur geringste Preise für frische Eier zahlt und er sich Maisbruch und ähnlich Hochwertiges nicht leisten könne. Sie zeigte mit der rechten Flügelspitze in Richting Regierungsbänke und erklärte unmissverständlich, dass diese Regierung ein Sauladen sei. Dann drohte sie, man würde frisches Gelege ins Freie bringen und die Hähne beauftragen, jedes Ei zu zertrümmern, und die Republik könne sich die Fried Eggs für die Zukunft abschminken, es sei nun Schluss mit Sunny side up. Sprach’s und legte einen majestätischen Abgang hin. Im Plenarsaal herrscht immer noch Stille. Keiner der 816 Anwesenden hatte auch nur ein Wort von dem verstanden, was diese Kampfhenne gegackert hatte.

Die Bundeskanzlerin beendete ihr Spiel mit dem Bubble shooter. Also klappten alle ihr Tablet zu und spitzten die Ohren. Vergebens. Aber es ging ein Gespenst durch das Hohe Haus: Welcher Saukerl hat dieser Henne das beigebracht? Über diese Frage begann man nun zu tuscheln und Verdacht zu entwickeln, und die Stimmung neigte sich in Richtung Verärgerung und allgemein schlechte Laune. Lediglich dort, wo ein Rest von sozialer Intelligenz die Politik bestimmt, aus den Reihen der Linken also vernahm man nun leises Gelächter, das anschwoll und mit fröhlichem Schenkelklatschen endete. Gewiss, auch die Linken sprechen kein Huhnisch. Aber sie wussten: Das war eine Demo!

Verblüffend: Auf der Tribühne sass wie immer einer von der BILD-Zeitung. Und der hatte alles verstanden. Und so berichtete am Folgetag die BILD, ein Hühnervogel aus Berlin-Kreuzberg würde so viel Zuneigung entwickeln, dass er dem Deutschen Bundestag symbolisch ein Ei geschenkt hätte.

Mitarbeiter aus der Produktion berichteten, die Druckmaschinen seien in der Nacht sehr schwer zu fahren gewesen, da sich das Zeitungspapier unter Druckfarbe über der Druckplatte gekrümmt habe. Man wisse allerdings nicht, ob vor Lachen oder in Schmerzen.