Leichte Kost · Nachgedacht

Chaotisch oder neurotisch?

Wenn ich auf dem Laufenden bin, dann gibt es aus der Transplantationschirurgie tatsächlich nichts wesentlich Neues zu berichten. Das ist für Menschen wie mich, die dringend ein neues Gehirn brauchen, recht unerfreulich, denn ich leide wie so viele daran, dass unser altes Hirn zum einen proppevoll mit Müll (Messie-Syndrom) und zum anderen veraltet ist und Leistungsmängel aufweist (Commodore C 64-Syndrom).

In diesem Zustand bin ich doppelt benachteiligt. Es ist schwer genug, der Gegenwart geistig zu folgen. Zum Beispiel wird mir der gesamte Handy-Kram ein ewiges Rätsel bleiben; 10-jährige zeigen sich verwundert darüber, dass so etwas wie ich überhaupt noch leben kann, ohne ein Smartphone zu besitzen.
Genauso übel ist, dass in meinen grossen Kopf so wenig Wissen hineinpasst. Ich bin dort einfach nicht zu Hause! Unglaublich, aber wohler fühle ich mich im Nicht-Wissen. Das ist wohl meine Welt, mein Schicksal. Beispiel:

Ich lese ein wenig, komme dabei vom Chaos zur Theogonie. Das sind 1.000 Verse von Hesiod, geschrieben um 700 vor Chr. Verdammt, denke ich, da steckt Theo drin, da geht es doch um Religion, und das zu Hesiods Zeiten, als meine Rasse noch auf Bäumen lebte und Tannenzapfen frass! Musst Du gucken, denke ich.

„Wahrlich, zuerst entstand das Chaos und später die Erde …“ (Vers 116)

Momentamal, denke ich, Hesiod, ein Bauer aus Böotien konnte nicht nur schreiben, er hat eine Schöpfungsgeschichte verfasst – weiterlesen – auf der die gesamte griechische Götterwelt aufgebaut ist, die länger als 1.000 Jahre die ethischen Masstäbe bestimmte? Der Mann hat den Vorläufer der christlichen Bibel geschrieben! Und ich habe nichts darüber gewusst!

Back to normal. Ich bin Atheist. Ich muss das alles nicht wissen. Die Welt dreht sich auch so ….. aber ich bin auch ein Messie ….. ich schmeiss nix weg ….. ein Glück, wenn ich`s vergesse. Oder es verschwindet in den 90% Hirnmasse, die angeblich ungenutzt bleiben. Auf diesen Gedanken reagiere ich ein wenig infantil und lege für mich fest: In den 90% steckt alles Wissen um mein ganzes Leben als Unbewusstsein. Und in den 10% aktivem Hirn ist verfügbar, was ich offen legen kann, wenn ich will. Mein Bewusstsein. Haut man mir auf den Dassel, machen die 10% auch dicht und warten ab, wie es weitergeht, also ob nun ein Doktor kommt, oder eine Axt. So ungefähr.