Leichte Kost

Auch das Huhn hat eine Seele

Es war eine Rhodeländer, eines jener wunderbar rot-braunen Prachthühner. Ihre Vorfahren stammten aus den USA und sind wohl wegen des Bürgerkriegs so um 1863 nach Europa ausgewandert. Unsere Henne hiess Rosi, legte 200 Eier pro Jahr, und jedes Ei war fast exakt 60 Gramm schwer. Rosi brachte tot und gerupft stolze 2600 Gramm auf die Waage, war in den letzten Jahren mit viel Bruchmais gefüttert worden, was ihrer Haut einen chic zu nennenden Farbton einbrachte.

Rosi’s Körper wurde mir verkauft und brachte rund 23 Oiro in die Kasse eines Landwirts aus dem Hadelner Land, das liegt bekanntlich südlich von Cuxhaven und 90 km nördlich von Hamburg, falls einer mal dorthin fahren möchte.

Tja, übrig, aber frei blieb Rosi’s Seele. Ich nenne sie nun RosiS. Sie genoss ihre Freiheit, und begleitete ihren toten Körper, ich nenne ihn RosiK, bis in meine Küche. Dort hockte sie sich in sicherer Entfernung auf die Gardinenstange und wartete gespannt auf den Fortgang einer Entwicklung. Das war nicht sonderlich klug.

RosiK war noch in Tüten gehüllt und lag auf meiner Arbeitsplatte, als beide Katzen auftauchten und sich am Papier zu schaffen machten. Die dicke Titi war dann auch erfolgreich, und setzte einen Probebiss in RosiK’s Hals. RosiS war nun so verwirrt, dass sie glaubte, tot umfallen zu müssen – eine Täuschung, da Seelen nicht sterben, also auch nicht tot sein können. RosiS wusste das nicht, aber sie erholte sich dennoch, als beide Katzen zu dem Ergebnis kamen, dass Hühnchen aus der Dose besser schmeckt, und sich abwandten.

Wie man weiss, sind Seelen still. Die der Hühner gackern nicht, und die der Menschen krakeelen nicht von Todes wegen. Aber Seelen der Hühner fühlen sich am wohlsten, wenn sie auf einer Stange hocken können. Dieser Umstand treibt wahrscheinlich auch lebende Hühner auf Stangensitze. Darum sitzt RosiS auf der Gardinenstange und schaut zu, wie ich Gemüse in einen grossen Topf gebe und RosiK dazu stopfe. Ich bleibe ahnungslos, mache Feuer unter den Kübel, schiebe den Deckel drauf – Ende der Vorstellung. RosiS ist inzwischen eingenickt, RosiK köchelt ohne seelischen Beistand; man nennt den Vorgang „Kochen“ oder auch „Mazeration“. Ziel ist immer eine saubere Trennungvon Fleisch und Knochen. Das Fleisch wird weiterverarbeitet, das Skelett gehört der Wissenschaft, oder den Studenten. Beim Huhn wirds Frikassee; beim Menschen nicht. Das bedeutet: Der Mensch isst HuhnK. Das Huhn frisst nicht MenschK, sondern Getreide, insbesondere Mais.
Und was ist, wenn MenschK Mais frisst? Wird er auch gelb, etwa Chinese?

RosiS lächlt weise. Das alles ist aus ihrer Sicht Hühnerfutter. Kann man wegpicken oder liegen lassen. Hauptsache, es keimt nichts. Wenn dort etwas keimt, ist es entweder ein Kind oder eine Kalamität (rbc = risk by coincidence).

RosiS konnte inzwischen beobachten, wie ich die Rhodeländer-Karkasse aus dem Topf zog und die Reste von RosiK entfernte. Dann zog ich das zerkochte Gemüse aus der Brühe. RosiS war nicht in der Lage, die Reste von RosiK als ihr Alter ego zu erkennen. Sie glaubte fest, dass RosiK den Weg alles Irdischen genommen hat und in die Ewigkeit eingeht. Was sie nicht ahnt, ist der Umstand, dass dieser Weg durch den MenschK und dessen Verdauungstrakt führt.