Bücher

Vor meiner Nase, mitten auf dem Tisch liegt ein Buch. Autor und Titel des Inhalts fehlen. Ich nehme das Buch zur Hand. Es ist wie alle Bücher gebaut. Vorne Pappe, hinten Pappe, dazwischen – sauber gebunden – etwa 200 Blätter. Ich klappe den Einband auf, registriere: Seite 1 ist leer. Blättere weiter. Seite 2 leer, dito Seite 3, 4, 5. Suche nun Seite 100 vergeblich. Das Buch ist leer. Nirgendwo auch nur eine Andeutung eines einzelnen Buchstabens – von Wörtern rede ich garnicht!

Aha, denke ich. Tatsächlich „Aha“. Das soll ein Witz sein. Ich blicke finster um mich. Da sind vier Spassvögel in meinem Raum. Welchem der vier darf ich nächstens eins überbraten? Plötzlich baumelt ein Bleistift vor meiner Nase, von oben kommend und von einer Angelsehne gehalten. Noch ein Aha. Angelschnur, monofil, 0,18 mm. Vier Gestalten lachen. Ein drittes Aha ist fällig, bestätigt nun das Ende eines Denkprozesses. Ich darf also allen vieren eine reinwürgen. Ich knüpfe den Bleistift ab, bin zornig, weil die Angelschnur hängen bleibt, und schlage das Buch auf. Eintrag 1. Seite: Vier Namen, dahinter in Klammern gesetzt „Vergtg“. Und das meint nicht Vergütung.

Ich sollte mich kürzer fassen. Inzwischen liebe ich das leere Buch. Es ist multifunktional. Man macht sich Notizen, liest sie wieder. Mit einer guten Portion Imagination kann man das Buch von hinten nach vorne lesen und umgekehrt. Ich kann Vertrauliches verschlüsseln, muss dann allerdinge auf der letzten freien Seite rechts beginnend nach links schreiben, was dann etwa so aussieht: „ehcar lliw hci“. Das Schärfste von allem: Wenn mir danach ist, nehme ich diese leere Kladde zur Hand, schlage sie auf geschätzt bei Seite 100 und lese mit geschlossenen Augen und einem gut eingeschenkten Tullamore dew in der Hand, wie es mit Leopold Bloom in Dublin weitergegangen ist. Warum dies? Weil ich im Text des „Ulysses“, also bei James Joyce schon 3 x bei Seite 100 abgeschmiert bin.

Besonders vorteilhaft ist, dass ich Seiten auch ausreissen darf. Und selbst wenn ich alle Seiten entfernt habe und nur noch die beiden Buchdeckel in der Hand halte, kann ich bei James Joyce weiterlesen – das ist einfach genial.

Fragst Du Dich nun, was dieser hier geschriebene Unsinn soll? Ich setze noch eins drauf! Es ist eine Hommage an mein Collegebook. Lose Seiten mehrfach gelocht, kariertes Papier im Ringbuch, Buchdeckel weinrot, Leder, innen gefüttert mit creme-farbenem Nappa-Leder, ein wenig abgenutzt, da inzwischen länger als 50 Jahre in meinen Diensten. Liegt vor mir auf meinem Schreibtisch, und ist heute noch ein nützliches, unverzichtbares Utensil. Meine alte Kladde! Sie fühlt sich auch heute noch toll an!