Bedenklich

Vermutlich habe ich schon erzählt, dass meine Tochter bei mir eingezogen ist. Ich hatte befürchtet, dass es mit meiner Freiheit (gemeint ist mein Lotter-Leben) zu Ende ist und dass man mir den Tag durch Strukturierung versaut – nichts davon ist passiert. Ich schlampe also auf angenehmste Weise vor mich hin, und das finde ich richtig gut. Schliesslich war mein Leben 78 Jahre lang fremdbestimmt. Das letzte Achtel gehört nun überwiegend mir, und die Fremdbestimmung – hat nie ganz aufgehört – beschränkt sich auf Ermahnungen, endlich das T-Shirt zu wechseln, weil man wieder einmal meinen Speiseplan der letzten 7 Tage vom Hemdchen ablesen kann.

Ehrlich, es ist ein Kreuz. Schlanke Menschen beugen beim Essen sich über ihren Spaghettiteller und bleiben von Tomatensosse verschont. Wir Dicken können das nicht! Die Wampe ist im Weg, steht wie ein Berg an der Tischkante, und nach vorne gebeugt bringt es mich ziemlich genau in die Abwurfzone für „zu viel Sosse an der Nudel“. Dann habe ich mit der ersten Gabel Spaghetti Tomatiges auf dem Bauch, und – neulich wirklich passiert – mit dem letzten Löffel Apfelmus einen Mus-Klecks daneben. So etwas macht mich fertig. Ich ging ins Bad und habe mich vor den Spiegel gestellt: So also sieht ein Depp aus!

Und dann kommt von hinten eine weibliche Stimme: „Papa, Du musst jetzt das Shirt wechseln!“

Was soll ich sagen? Das reicht mir dann für 3 Tage, und ich bin in einem Zustand, dass man mich in der Pfeife rauchen könnte.
Jetzt pass auf, es kommt noch härter: Ich rede nicht von einem unglücklich verlaufenen Mitagessen. Da ich täglich Suppen und Sossen esse, trifft es mich so um 300 mal im Jahr! Das ist viel! Und alles wegen meines Bauchs, der vor mir steht wie der Watzmann über dem Königsee.

Glaubst Du, da sei immer noch viel Platz für Feingeistiges wie Schreiben? Schreiben geht fast immer, aber feingeistig?
Ich mach mal einen Vergleich: In Oberammergau gibt es die Herrgottsschnitzer. Deren Hände sind für feinstes Arbeiten mit Holz geschaffen. Und es gibt die Holzfäller; sie liefern den Schnitzern die groben Klötze. Ich gehöre in die Garde der Holzfäller. Schliesslich bin ich ein Bub aus dem Wald, nicht wahr? Wenn ich an etwas herumschnitze, dann ist es gewiss ein Schnitzel. Nomen est omen, wie wir Pfälzer zu sagen pflegen. Die Nähe zum Vatikan schlägt hier ein wenig durch; den Segen Urbi et orbi haben wir uns verkniffen, da keiner weiss, was „orbi“ ist.

So. Genug Quark gequirlt!

2 Antworten auf “Bedenklich”

  1. Tomatenpamps hat per se die fatale Neigung sich anzuheften. Immer. Egal welche Leibesfülle. Wie sich heute am passend herausgesuchten schönen mossgrünen Longshirt gezeigt hat ist auch Erdbeeryoghurt anhänglich. Fröhliches weiterkleckern

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