Bernauer

Die schon wieder! Das Katzenluder Titti spielt mit meinem Sauerstoffschlauch und es rupft mich unentwegt an der Nase. Muss ich das hinnehmen?

Schon gut. Es gibt Schlimmeres. Es sind Zustände, die zum Beispiel die Berliner hinnehmen müssen. Und ich, der ich Anfang der 70er Jahre Berlin gut kennenlernte und später mit meinem Sohn, der dort lebte, informativ gut verbunden war, ich verstehe bis heute das Gesumse um die „Berliner Mauer nicht, und insbesondere um das Stück an der Bernauer Strasse. Leute, ich bin mit meinem knallroten Opel Rekord durch West- und durch Ost-Berlin gefahren, nur um festzustellen, was Sache ist.

Vor einem halben Jahrhundert, als Berlin-West noch eingemauert war, hatte dieser Teil der Stadt eine Atmosphäre aus Weltoffenheit, Charme und Urbanität, wie ich sie in keiner anderen deutschen Grosstadt angetroffen habe. Heute schmeckt Berlin unerträglich bitter.

Bis zur Beseitigung der Mauer hat dieses Bauwerk den verkommenen sozialistischen Teil der Stadt vom kapitalistisch verkommenen getrennt.
Wenn heute ein Pastor den verbliebenen Mauerrest an der Bernauer hegt und pflegt und daraus ein Denkmal für Unfreiheit machen will, geht mir der Hut hoch. Jaaa, sagt man, es sei ein Mahnmal für die Trennung Deutschlands, nicht nur Berlins. Jaaa, sage ich, diesen Symbolgehalt kann ich noch verkraften. Aber wischt Euch endlich die Tränen von der Backe! Oder heult wenigstens wegen des Mietwuchers, der Menschen verzweifeln lässt! Stellt Euch vor die Betonplatte und klagt ein bisschen – vielleicht hilft’s bei irgendwas! Und betet zu Euren Göttern; sie mögen die Börse gedeihen lassen, bevor sie sich um das Wohlergehen ihrer Gläubigen kümmern! Das hat Zeit!