Geistig beschränkt

Ich weiss nicht, wie die wirtschaftliche Situation meiner Eltern im Jahr 1939 zu beschreiben wäre. Besonders gut kann sie nicht gewesen sein. Eines ihrer Resultate bin ich. Man hat mich in diesem Jahr gezeugt, und ich habe mich nicht zu einem Universalgenie entwickeln können. Diese Tatsache beeinträchtigt mich auf vielerlei Weise, und ist ständige Ursache für Unwohlsein und Unzufriedenheit. Anders: Irgendwie werde ich allzu oft in meine Grenzen verwiesen.

Ja, ja und ja. Das geht jedem so. Auch dem Universalgenie. Ich könnte auch gut mit dieser Beschränkung leben, aber ….. ich will sie nicht andauernd spüren ! Das ist Quälerei, und ich möchte dem entgehen. Aber was passiert? Ist man beschränkt, ist man ideenlos. Ist man ohne Idee, kommen ganz ganz dumme Gedanken auf. Plötzlich brüllt das Hirn förmlich „Absinth!“ Und der Dämpfer kommt gleich hinterher. Bertschi und Reckeweitz schreiben in ihrem Büchlein von Absinth bis Zabaione: „Es scheint, als sei die gesamte europäische Elite der Literatur und der bildenden Künste im Absinthrausch durch das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert getorkelt.“ Wie man weiss, war sogar das Ohrenabschneiden in Mode gekommen.
Anscheinend ist Bewusstseinserweiterung per Absinth nicht der Königsweg.

Nun weiss jeder gediegene Alkoholiker, dass es im Prozess der Alk-Verarbeitung im menschlichen Körper einen Punkt gibt, an dem man glaubt, nicht betrunken zu sein, aber hellwach. Ich kenne das. Es ist ein Gefühl von Freiheit, die sogar mich glauben lässt, nun könne ich einen Roman von 600 Seiten schreiben, solange ich gemässigt Riesling nachfülle. Natürlich fülle ich nicht nach, denn schon das vierte Glas verursacht mir Unwohlsein an den drei folgenden Tagen.

Es ist ebenso falsch wie grosskotzig, aber es berauscht mich nicht so sehr der Riesling, sondern diese kleine Phase aus einer Pulle Riesling, die Schranken aufhebt, das Denken erleichtert, Kreativität mitbringt, und absolute Gedankenfreiheit. Dieser Zustand erlischt leider sehr plötzlich, weicht einer Phase dumpfen Brütens, die mich in die Wirklichkeit zurück holt. „Jetzt was essen, und dann ins Bett!“ Das ist alles, was nachbleibt. Toll, gell?