So macht man sich zum Kringel!

Heute bin ich ein freier Mensch, und das seit einem Vierteljahrhundert. Vor 50 Jahren war ich noch ein Sklave und habe auf deutschen Geschäftsfeldern „Baumwolle gepflückt“.

Es war Freitag, die Uhr zeigte 9:30 Uhr an, und ich hatte keine Lust mehr auf Büro. Was macht ein Sklave in dieser Situation? Nein, er holt sich keine Prügel bei seinem Chef ab – er flüchtet. So habe ich mich vom Hof geschlichen, bin nach Hause gefahren und hängte nun meinerseits den Chef raus. Ich zu meiner Frau: Packen, wir fahren nach Amsterdam! Sie: Aber unsere Tochter ist doch in der Schule ….. Ich: Ich hole sie da raus!

Gewiss, die Lehrerin war ein wenig geschockt: Herr Risch, ist was passiert? Kann ich irgendwie helfen? Ich: Nein, es ist nichts Schlimmes, aber sie wird dringend zu Hause gebraucht, das geht leider nicht anders, und am Dienstag ist sie wieder hier in der Klasse! Ich schnappte unsere Kleine, 8 Jahre alt, und machte mich auf und davon.
Zu Hause stieg meine Frau ins Auto, ich schmiss die 2 Koffer hinten rein, und weg waren wir. Es folgten Nächte in Leeuwarden, Den Haag und Amsterdam.

Der schiefe Turm von Leeuwarden, der Oldehove war schon sehenswert. In Den Haag rettete uns mein Koffer. Es regnete abends, und wir suchten Zimmer. Im Hotel Babylon Nähe Bahnhof standen wir patschnass, missmutig und abgerissen in der Lobby. Die drei Mädels am Empfang musterten uns abschätzend und leicht verschnupft, weil wir Penner es wagten, nach einem Zimmer zu fragen – bis ihr Blick auf meinen teuren Samsonite-Koffer fiel. Es dauerte einen Moment, bis eine der drei Damen korrekt schaltete. Zur Sicherheit verlangte sie einen Ausweis und eine Kreditkarte, dann kriegten wir das letzte freie Zimmer; die Tochter durfte kostenlos im Doppelbett mitschlafen, und das Frühstück war für uns auch kostenlos. Was wir nicht ahnten: Die Städte waren voller Niederländer, weil Königin Juliane ihren 70. Geburtstag feierte.

Am Folgetag erreichten wir Amsterdam und stellten fest, dass die gesamte Innenstadt ein einziger, riesiger Flohmarkt war. Und mich hats erwischt. Findet meine Tochter doch einen Pferdekopp aus Gips in natürlicher Grösse, und ich musste das verfluchte Ding einen Nachmittag lang unter den Arm geklemmt durch die Altstadt schleppen. An diesem Sonntagnachmittag habe ich mich selbst verflucht, und meine Idee, nach Holland abzuhauen. Zum Ausgleich, und um neue Kräfte zu sammeln, habe ich mich bei einem Matjesverkäufer festgebissen. Der verkaufte Matjesfilets aus einem Fass und ohne Brot. Da kommt so ein Eingeborener, kauft zwei Filets, und würgt sie runter wie ein Kormoran! Siehe Foto. Ich habe das dann auch so gemacht. „Roooland, Du erstickst!“ Vind je dat lollig?


Ich habe den Fisch schon halb unten, beisse den Schwanz ab und werfe ihn in die Herengracht. Bester Matjes ever! Und kaufe nach. Aber Papa! Lass das ….und ich: Wer schleppt hier das Pferd durch die ganze Stadt? Du oder ich? Naja, mit 3 Doppelfilets hat man genug Fisch gehabt. Zum Frühstück am Montag habe ich dann kompensiert. Statt Fisch gabs Brötchen, Butter, und Schokostreusel obendrauf. Eekhoorntjesbrood. Auch nicht übel.

Dann kam der Keukenhof. Die Bilder mit Tulpen reichten mir bis ins nächste Jahrtausend, und wenn ich in unserem Garten eine Tulpe sehe, juckt mir mein rechter Fuss. Er will nichts als drauftreten! Nichts gegen Blumen. Aber ich brauchte volle 2 1/2 Stunden, um vom Parkplatz auf eine öffentliche Strasse zu kommen. In diesem Chaos hätte ich jede sich anbietende Strasse genommen, wäre auch Richtig Madrid oder Tromsö gefahren.
Am Spätnachmittag beschlossen wir, sofort und ohne Stop nach Hause zu fahren;
am Folgetag sollte die Lütte ja wieder in der Schule erscheinen, aber ja nicht erzählen, was sie so alles erlebt hatte.

Der weisse Gipskopp vom Pferd hing dann eine Weile im Giebel unserer Hütte, bis einer der Nachbarn fragte, was dieser Scheiss da oben wohl sollte. Plötzlich war er weg, und ich weiss heute noch nicht, wo dieses verfluchte Ding, das ich in Amsterdam mit mir rumschleppen musste, abgeblieben ist.
Irgendwann war es mir auch egal. Hauptsache weg. Ganz weg.