Über eine Nonna

Nonna Antonella starb mit 94. Bis dahin war sie Mitglied einer grossen, zahlenmässig nicht erfassbaren Sippe, der Morello-Familie. Ein wesentlicher Zweig dieser Sippe war in die USA ausgewandert und hat dort die Cosa nostra installiert, die sich zum Genovese-Desaster entwickelte.
Die Nonna hat nie bestritten, der Morello-Familie anzugehören; wohl aber wollte sie mit den Machenschaften ihres Clans nicht in Zusammenhang gebracht werden. Dies zu versuchen war aus ihrer Sicht unverzeihlich, und das gleiche Vergehen wie das Anzweifeln ihrer Kompetenz als Pasta-Köchin.

Wer sie erlebte, kannte ihre beiden Seiten: Die liebevolle gegenüber jedermann, und die Lupa, die unbarmherzige Wölfin gegenüber jedem, den sie sich als Feind zurechtgelegt hatte. Sie konnte vernichten mit der Gewalt ihrer Persönlichkeit und ihrer Worte. So verliess der Bürgermeister von Palermo fluchend und schweissgebadet Nonna’s Küche, nachdem er gute Ratschläge zum Finishen der Spaghetti alla Puttanesca loswerden wollte.

An ihrem Todestag stellt man ihr am Morgen stets einen Teller mit diesem Pastagericht
auf das Grab. 24 Stunden später holt man de leeren Teller wieder ab. Es ist eine wirksame Geste für die Dummen in Corleone. Sie glauben tatsächlich, Nonna Antonella würde sich die Spaghetti abholen. Die Realisten haben jedoch einen Friedhofswärter in Verdacht. Antonella ist das gleichgültig. Es ist die Geste, die zählt, und nicht die Nudel.

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