Buntes Leben

Der alte Mann hatte sich in seinem Schuppen einen Rahmen gebaut, diesen einfach an die Wand gehängt und leere Farbdosen hineingelegt. Dann setzte er sich vor seine Blechsammlung und begann, Dosen herauszunehmen und anderswo wieder einzufügen. Selbstvergessen baute er um und um. Seine Tabakspfeife war längst erkaltet, und die grauen Borsten auf seinem Kopf schienen vor Anspannung aufrecht zu stehen. Es schien, als würde er mit jeder Änderung ein neues Bild sehen und zu bewundern, was sein „Kaleidoskop“ ihm zu bieten hatte.

Ich schaute ihm eine Weile zu, bemerkte zunehmend, dass ich gerne mitgespielt hätte.
Die Szene brachte mich zum Nachdenken über Farbe und Buntheit. Es könnte sein, dass wir zu bestimmten Farben und zu ihrer Kombination eine Affinität entwickeln, oder gar eine Ablehnung. Es könnte sein, dass wir die Buntheit unserer Natur nicht mehr wahrnehmen, oder einfach nicht wertschätzen. Aber mit Sicherheit kann man sein Leben bunt nennen, wenn die Seele in Farben schwelgt und diesen Zustand nach aussen zu tragen vermag – mit Kunst im weitesten Sinne, ob bildend, musikalisch oder literarisch.

Kunst ist produktive Kreativität. Eine Seele in Farben lässt aber auch den Konsumenten teilhaben ….. nein, sie fordert ihn zur Teilnahme, sei es durch emotionale Reaktionen, sei es auch nur in der Form des Verstehens.

Das ging mir durch den Kopf, während ich dem Alten bei seinem Dosenspiel zusah. Ich hatte vergessen, dass man über der Beschäftigung mit Farben die Zeit vergessen kann.
Nach einer halben Ewigkeit wandte ich mich ab. Auf dem Weg zu meinem Hotel fühlte ich mich wohl wie lange nicht mehr, und ich wusste, dass ich heute einen wirklich gute Tag erwischt hatte.