Zen-Feier oder Senfeier?

Kochbar.de

Der Not gehorchend, und nicht dem inneren Triebe entscheide ich mich für die Senfeier.
30 Minuten angestrengtes Essen, und ich bin erlöst.
Eine Zen-Feier dauert erheblich länger und ist auch quälender für Ungeübte.

Dessen ungeachtet ist mir das eine so fremd wie das andere. Diese Hühnerklüten in Senfsosse habe ich im Leben nur einmal gegessen; es geschah in der Kantine eines deutschen Grossunternehmens, und ich habe gehofft, dass der Koch an diesem unseligen Tag das Werksgelände nicht lebend verlassen hat. Ich hatte seinen Frass als Attentat auf die körperliche Unversehrtheit von rund 1.500 Menschen empfunden.

Und heute, nach 55 Jahren kommt dieses ur-deutsche Gericht wieder auf meinen Tisch. Der einzige Grund: Mein Sohn hat diese Untat noch nie vorgesetzt bekommen und kann deshalb nicht mitreden, wenn das Thema aufs Tapet gebracht wird. Und ich – in einem Anfall von Selbstüberschätzung – habe zugestimmt, Senfeier als Lunch an einem Sonntag aufzutischen.

Dabei weiss ich genau, dass ich so oder so verliere. Entweder ich mag sie immer noch nicht, oder ich mag sie und habe sie ein halbes Jahrhundert lang ignoriert. Beides ist nicht gerade schön zu nennen. Dazu kommt, dass das Re-Engineering versagen wird, weil ich aus Kartoffelschnee keine Bratkartoffeln machen kann, so wie man aus Wurst kein Schwein hinkriegt.

So kann ich nur hoffen, dass ich über genügend Tapferkeit verfüge, wie man sie bei einem alten, erfahrenen Kämpfer erwarten darf.
Mein Plan B ist längst fertig. Ich musste nur die Tür zur nächstgelegenen Toilette offen lassen. Ich hoffe sehr, diesen Plan B nicht benutzen zu müssen. Es täte mir wirklich leid, wenn ich den Jungs in der Kläranlage den Bakterienstamm des ersten Fäkalienbeckens mit Senfsosse kaputt machen müsste.