Wegwechsel

(Anmerkung: Dies ist eine echte Schnulze! Wenn es nicht so viel Arbeit wäre, würde ich daraus nun ein Drehbuch schreiben und dem Deutschen Fernsehn anbieten. Die dort fahren auf so etwas ab. Ein paar Gags untergezogen, und ich bekäme den Grimme-Preis!)

Wie das manchmal so läuft. Der Rudergänger leitete eine Halse ein, um mehr Wind in das Besansegel zu kriegen, und der Baum schwenkte um, wischte den Fahrgast vom Deck, und die Ketsch bretterte los. Niemand hatte bemerkt, dass Georg über Bord gegangen war. So jedenfalls hatten andere Fahrgäste der Segeltour richtig vermutet, und sich nach reichlich Diskussion auf diese Lesart festgelegt.

Wie auch immer: Georg war über Bord gegangen, und dies in seiner unnachahmlichen Art mit Dusel. Zuerst konnte er seine Rippen schützen, indem er den Baum mit beiden Händen abfing und so die Kraft des Windes abfederte. Dann fischte ihn eine russische Crew aus dem Teich, kleidete ihn in trockene Tücher und füllte bei ihm mit einem preiswerten Branntwein jenen Tank auf, der für die Lebensgeister zuständig sein soll.

Irgendwann hat das funktioniert. Er bedankte sich mit „Spassibo! Spassibo! Menja sowut Schorsch. Bolsche, paschalsta!“ Schorsch bedankte sich, und verlangte nach mehr Fusel.
Der Oberrusse an Bord zeigte Verständnis und Grossmut. Man füllte Georg ab, bis er in eine wohltuende Bewusstlosigkeit entglitt. Einer der Segelkameraden glaubte, ein richtiger Kater am Folgetag würde Schorsch wieder auf die Füsse stellen – und so kam es. Georg setzte sich – immer noch volltrunken – unter den Baum des Grossmastes und grübelte über acht Stunden, um dann eine Entscheidung zu treffen. Er war nach neuer Lesart auf See gestorben und wollte nun unbedingt als Schorsch weiterleben. Seine kleine Familie glaubte er dank einer grosszügigen Lebensversicherung gut versorgt. Und er selbst war wieder frei. Üppiger Bartwuchs besorgte Unkenntlichkeit, und eine Behörde in irgendeinem Bananenstaat würde ihm gewiss Papiere ausstellen. Sein Manko: Er besass nichts. Vielmehr er besass nichts weiter als seine Fähigkeiten als Bootsbauer.

Die Russen kamen über die Ostsee von St. Petersburg, hatten Schorsch irgendwo westlich von Helgoland aus dem Wasser gefischt, und wollten in die Karibik. Das kam Schorsch auf zweifache Weise entgegen. Es zog ihn ebenfalls dort hin, und die lange Tour verschaffte ihm Zeit. Einen Tag lang inspizierte er das Russen-Schiff, dann schrieb er eine Todo-Liste, eine Liste zum Materialbedarf, und einen Reparaturplan. Damit verhandelte er mit den Russen; sein Ziel war die kostenlose Überfahrt bis Nassau/Bahamas bei Kost und Logis, und gegen ein Taschengeld, dafür wollte er den Russenkahn in Ordnung bringen. Ein 20 m-Schoner mit Stahlrumpf sei für ihn kein Problem.

Die Russen witterten eine Win-win-Situation, liessen sich die Mängel zeigen und überzeugten sich von der Handwerkskunst ihres neuen Crew-Mitglieds; in Rotterdam wurde das Material eingekauft, und als man im Ärmelkanal die Isle of Wight hinter sich liess, war das Teakstabdeck schon repariert und wasserfest präpariert. Schorsch sägte , hämmerte, dengelte auf Blech herum, schraubte, als ginge es ums Leben, und zwei Tage vor Nassau war auch die Maschine, eine Daimler 360 mit 165 PS generalüberholt.

In Nassau ging er von Bord. Er hatte das Angebot, ständiges Crewmitglied zu werden, abgelehnt, empfing ein grosszügiges Taschengeld und die herzliche Zuneigung seiner fünf Russen. So machte er sich „vom Acker“, ein stattlicher Vollbart mit einem breiten Grinsen sagte „Do swidanya!“ und war verschwunden.

Georg Fischer blieb verschwunden. Man kennt auch heute niemanden, der ihn in den folgenden 11 Jahren irgendwo und irgendwann gesehen hätte. Aber ein unbeteiligter Beobachter fragt sich, wie dieser Schorsch Riethmüller in das Ensemble der Oberammergauer Passionsspiele geraten ist. Bei der Tini in der Dorfstrasse konnte man ihn oft antreffen, wie er sich an sein Bierglas klammert, der weisse Vollbart mit jenem Grinsen, das schon in früheren Jahren einige Russen bezaubert hatte.