Intellektuelle versus Experten?

Peter Kurer ist ein Schweizer Manager und Wirtschaftsanwalt. Er war ab 2002 Mitglied der UBS-Konzernleitung und von April 2008 bis April 2009 UBS-Verwaltungsratspräsident. Von 2016 bis 2020 war er Verwaltungsratspräsident von Sunrise Communikation AG. Nun schrieb er einen Kommentar für die Neue Züricher Zeitung, in dem er das Ende der Intellektuellen herankommen sieht – nun, weil sie überflüssig sind. Die Einzelaufgaben der Zukunft seien so komplex und monolithisch, dass es der Kompetenz von Experten bedarf, die Klötze zu zerlegen, in Teilen zu bearbeiten und wieder zusammenzufügen.

Zur Klarstellung: Ich bin nicht betroffen. Ich sehe vor mir keine Monolithen, sondern nur runde Kiesel. Und ich bin kein Intellektueller – im Gegenteil. Ich kann nach acht Jahrzehnten Leben immer noch keine „ordentlichen“ Bratkartoffeln herstellen. Aber ich sehe eine Katastrophe auf unsere Wirtschaft zukommen, falls Herr Kurer recht behält.
Dazu ein Beispiel:
Die Führungsetagen des Flugzeugbaus sind weltweit mit Experten verseucht. Wer nicht Ingenieur ist, hat keine Chance. Und nun schauen wir auf die Leistung der Experten bei Boeing: Erst fliegt ihnen die 737 Max um die Ohren, und nun die Triple Seven.
Oder wir blicken auf Airbus Industries. Dieser Laden hat endlos Subventionen kassiert, wurde also durch die Bürger gefördert, und nun kann derselbe Bürger beobachten, wie wichtige betriebliche Funktionen in Finkenwerder abgebaut und nach Frankreich verlagert werden. Unsere Leute landen in der Arbeitslosigkeit – und die Experten aus dem Teppichflur schauen hilflos zu.

Das folgende Beispiel ist bezeichnend für das Expertentum. Ich – schlecht gelaunt, weil ich zu viel Dummheit fressen musste, fragte einen Ingenieur, wer sein Gehalt bezahlt. Ich war derart erbost, dass ich das Bedürfnis hatte, diesen Mann am Nasenring durch die Manege zu führen. Ich fragte also, wer sein Gehalt bezahlt, und er erwiderte etwas ungehalten, das sei sein Arbeitgeber.Tja, erklärte ich, das sei ja wohl völlig falsch. Die Kohle käme wohl doch von den Kunden! Und ich fragte nach, ob es dann nicht angezeigt sei, die Kunden gut zu behandeln, auch wenn sie mit Sonderwünschen ankommen, und Customized solutions wären doch wohl seine Hauptaufgabe! Dieser „Experte“ verzog sich wie ein Gewitter; vermutlich hasst er mich heute noch.

Und nun wäre zu klären, ob Intellektuelle , also Generalisten einen besseren Job machen.
Machen sie? Im Prinzip nein. Es ist nicht ihre Aufgabe, technischen Lösungen zu konstruieren, etwa die 737 Max sicherer zu bauen. Ihr Job ist es, die Übersicht über komplexe Augaben nicht zu verlieren, zu steuern, Konflikte zu lösen, Geld zu besorgen, zu moderiren, und alle Beteiligten lieb zu haben. Man fasst das alles unter dem Stichwort „Führung“ zusammen. Die Gewährleistung hoher Qualität im Flieger verbleibt bei den Experten. Aber der Intelektuelle behält die Gesamtverantwortung und damit die Kontrollpflicht.

Mit dem folgenden Beispiel zeige ich auf, wie Intellektguelle ticken. Ich hatte in einem 10.000-Mann-Unternehmen angeheuert und wurde zum Chef zitiert. Er wollte alle Neuen der Schlips- und Kragen-Klasse kennenlernen. Mir sagte er, er möchte wissen, wer ihm begegnet, wenn man sich auf dem Fabrikhof trifft. Ich, die kleinste Kerze auf der Torte, war dem Eigentümer und CEO des Ladens wichtig. Der Patriarch fragte mich nachm meinen Sorgen, und wie es mir in seinem Unternehmen so ergeht, und ich hatte nur die Mühe, mir und meiner schwangeren Frau eine bessere Wohnung zu suchen. Nachdem ich dies erzählt hatte, sagte der alte Mann, das sei nun sein Problem, und ich solle mir keine Sorgen machen. Eine Woche später hatte ich einen Mietvertrag auf dem Tisch, und der Mietpreis liess mich auf bessere Zeiten hoffen.

Diese Episode stammt aus dem Jahr 1964. Gute Mitarbeiter waren wichtiges Kapital und wurden pfleglich behandelt. Und heute? Die von Herrn Kurer herbeigesehnten Experten für alles mögliche in allen Bereichen eines Unternehmens sehen in Mitarbeitern Material wie Rohstahl, das man verwenden, oder gar verbrauchen kann, oder in die Schrottkiste wirft.

Es sei hier angemerkt, dass bereits um 1900 Leute wie Max Weber und Joseph Schumpeter Modelle der Sozialökonomie entwickelt haben, und dies in dem Glauben, Weichen für die Zukunft gestellt zu haben. Aber während sie die akademische Elite heute noch mit der Sozioökonomie vergnügt und sich die Abstraktion zunutze macht, um nicht Schaden zu erleiden, geht man im operativen Alltag des Wirtschaftens den Weg, die Soziologie unter Krämpfen von der Ökonomie zu trennen und durch profitables Handeln zu ersetzen. Dabei ist stets die bretter-bewehrte Denkweise von allerlei Experten richtungweisend.

Herr Kurer ist Banker und Jurist, also auch nur ein Spezialist. Aber er ist auch ein Mann mit Gewicht in der schweizerischen Wirtschaft, und ich hätte von ihm ein deutlich grösseres Gedankengebilde erwartet.