Die authentische Stadt

Hallo! Du weisst, was das ist? Falls ja – Gratulation! Ich wusste es nicht. Gestern bin ich über diesen Begriff gestolpert und auf dem Bauch gelandet. Ich war tatsächlich platt wie eine Flunder, und wütend wie Zerberus in Hochform. Kurz gesagt: Ein wissenschaftlicher Text war für mich zu anspruchsvoll, für einen Bauernlümmel mit Halbbildung.
(Bitte keine Beileidsbekundungen!)

In solchen Situationen kommt in mir eine Charakterschwäche zum Vorschein. Ich nenne sie die Mentalität eines Bullterriers. Ich beisse zu und lasse nicht mehr los, koste es, was es wolle. Dann entfalte ich mein Transparent, das mich mein Leben lang begleitet; drauf steht: So nicht, und nicht mit mir. Es richtet mich wieder auf, repariert mein Selbstbewusstsein, und ich entrolle mein zweites Transparent: Warten wir’s ab!

Bevor die Spannung nicht mehr auszuhalten ist, begeben wir und nun in die Theorie der Stadtentwicklung. Ich belasse es bei einer Kernthese:

Man soll an der vorhandenen, teils historischen Bausubstanz weiterarbeiten, sie verbessern, statt aus Gründen der Zweckmässigkeit abzureissen und neu, modern in Beton, Stahl und Glas zu bauen. Rekonstruktionen im Stadtbild, also z. B. Nachahmung eines historischen Baustils für neue Gebäude sollten nicht abgewertet gesehen werden, sondern sie dienen dazu, im Verein mit Originalen Authentität zu vermitteln, Identität zu stiften usw. Dazu sei eine neue, egalisierende Denkweise erforderlich. Und es sollte jedes bindungsfähige Teilsystem, wie die Ökologie in diese Authentizität einfliessen.

Ich finde, das ist sauber konservativ gedacht. Wir erinnern uns? Sauerkraut in der Dose = Konserve = das Gute für die Zukunft bewahren?

So weit, so gut. Aber es gibt noch ein Löffelchen Würze obendrauf. Man spricht davon, toxische Bausubstanz entgiften zu müssen. Toxisch sei z. B., was Hitler und seine Baumeister an neoklassizistischen Bauwerken aus der Gattung der Gigantomanie in gute deutsche Erde gesetzt haben. Peng!, sagte mein Gedächtnis, und schon stand ich wieder in Prora auf Rügen vor dem „Koloss“. 10.000 Zimmer à 12 qm in acht Blöcken, über 6 Etagen, mit einer Länge von 550 m pro Block. Das sind 4,5 km im Anaconda-Stil am Strand des Prorer Wieks entlang gebaut. Wer diesem Koloss das Nazi-Gift entzieht, hat sich seinen ewigen Platz zu Füssen seines Gottes redlich verdient.

Oder nehmen wir den Flak-Turm IV in Hamburg auf dem Heiligengeistfeld. Dieses Monstrum gehört zu den größten jemals erbauten Bunkern. Die Grundfläche misst 75 Meter × 75 Meter, er ist 38 Meter hoch. Die Wandstärke beträgt 3,5 Meter; die Decke ist fünf Meter dick. Fenster waren eingebaut und mit Betonplomben verschlossen. Obwohl die Kapazität auf 18.000 Personen beschränkt war, suchten während der starken Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 bis zu 25.000 Menschen Schutz im Bunker. Heute hat man Bunkerräume vermietet, und man versucht eine Entgiftung per Grünbepflanzung – vielleicht mit Schnittlauch-Töpfchen? Viel mehr geht nicht!

So, das war zum Schluss noch ein wenig Polemik; ich bin unschuldig. Es ist der Zyniker in mir, der sich nicht unter Kontrolle hat. Tut mir leid …..