Wandern und wundern

Es liegt mir fern, Situationen zu dramatisieren. Auch wenn ich sebst betroffen bin, besorgt eine Portion Pragmatismus das Glätten der Wogen, ja, auch jener Wellen, denen man die Vernichtung von Schiffsmaterial zuschreibt. Aber wie auch immer: Der Ozean in meinem Innenleben war gestern wieder einmal heftig bewegt, und dies ganz ohne mein Zutun. Was war los?

Gestern früh, auf dem Weg zum Bäcker begegnete ich einer Frau. Sie kam auf mich zu, unsere Wege kreuzten sich, und in einem kurzen Moment des nahen Kontakts veränderte sich das Strassenbild und glich dem grossen Schaufenster eines Kaufhauses.
Die Dame sagte im Vorbeigehen: „Ich bin Elise Starke und 55. Grüsse bitte meine Tochter Rosi.“ Ich liess Frau Starke hinter mir, und meine Strasse bot wieder den gewohnten Anblick. So kaufte ich meine Frühstücksbrötchen und machte mich auf den Weg nach Hause. Rasch blickte ich auf meine Uhr, sie zeigte 7:45 an.

Zu Hause angekommen, deckte ich den Tisch, um mit meiner Angetrauten zu frühstücken.
Als der Kaffee auf dem Tisch stand, rief ich ins Schlafzimmer, das Frühstück würde auf uns warten. Und aus dem Bett kam eine verschlafene Stimme und merkte an, es sei doch erst halb acht! Ich schaute auf meine Uhr. 7:30 – digital angezeigt! Und mein analoger Sekundenzeiger drehte sich nach links, statt nach rechts. Ich lief auf die Strasse und sah mich nach fremden Uhren um: 7:23! Zu Hause angekommen verkündete meine Frau vergnügt, ihre Uhr liefe nun rückwärts, und sie wolle sie in die Tonne treten. Diese Absicht konnte ich ihr mit dem Hinweis ausreden, dass derzeit alle Uhren rückwärts laufen würden. Umgehend kam die kluge Frage: „Und die Zeit?“

Ich sass noch immer am Küchentisch und nuckelte an der letzten Tasse Kaffee, als die Antwort kam: „Du, die Zeit läuft rückwärts!“ Madame hatte eine Topfblume beobachtet, deren voll entfaltete Blüte sich schloss, zur Knospe zurückentwickelte und schliesslich im Stiel der Pflanze verschwandt.

Ich sass am Tisch und fühlte mich so, als wäre ich einer drohenden Gefahr ausgesetzt und völlig entwaffnet. Hilflos wie ein kleines Kind war ich versucht, Jammerlaute von mir zu geben, während meine Frau völlig cool reagierte: „Gut, dass wir die Brötchen rasch aufgegessen haben, bevor sie sich zu Mehl zurückentwickeln konnten!“ Ich rang mir ein kleines, gequältes Lächeln ab, und einen grossen Seufzer. Dann schockte ich meine Frau mit dem Hinweis: „Wenn das anhält, werden wir immer jünger!“

Madame kam in die Küche, setzte sich zu mir an den Tisch und nahm meine Hand. Es herrschte Totenstille. Es war nun an der Zeit, das bisher Erlebte zu verarbeiten. Endlich kam wieder ein Gespräch in Gange. Meine Frau stellte die These in den Raum, dass wir gerade eine Wiedergeburt erleben würden. Auferstehung der Toten, und rückwärts leben bis hin zum weiblichen Eierstock. Ich lachte, und sie war mit allem gebotenen Ernst bei der Sache.

Mein Lachen war nur kurz geraten und signalisierte sicherlich reine Verzweiflung. Und plötzlich schaltete ein Relais in meinem Kopf. Diese Frau Starke bat mich, ihre Tochter Rosi zu grüssen – Rosi heisst meine Frau – die Ehe mit mir ist ihre dritte – und ihr Mädchenname ….. verdammt, sie ist eine Starke! Nun war ich am Ruder. „Rosi, ich soll Dich von Deiner Mutter grüssen!“ Nachdem sie in ausreichendem Umfang an meinem Verstand gezweifelt hatte, erklärte ich ihr, was beim Brötchenkauf geschah. Angesichts der wirren Situation hatte sie keine Wahl, als mir zu glauben. Es flossen Tränen.

Die Uhren zeigten inzwischen 00:15 an. Noch eine Viertelstunde, und wir sind einen Tag zurück. Es hat sich die Auffassung gefestigt, dass wir durch einen Unfall in eine andere Welt gelangt sind, vielleicht sogar in ein anderes Universum. Und das Gleiche muss Frau Starke senior, der Mama von Rosi passiert sein.

Noch während wir nach einem Weg zurück in unsere eigene Welt suchten, schien eine ordnende Hand einzugreifen. Pünktlich um Mitternacht, also als die Uhren 00:00 anzeigten, begannen die Sekundenzeiger damit, sich nach rechts zu drehen. Nichts weiter geschah. „Alles beim Alten!“, sagte ich. „Yeaph!“, sagte Rosi, griff hinter sich in den Schrank und brachte eine Cognac-Flasche auf den Tisch. Sie öffnete die Flasche, meinte, Gläser seien Luxus, und nahm einen Riesenschluck aus der Granate; sie trank, bis ihr die Atemluft ausging. Ich tat ein Gleiches und merkte an, dass Mama hoffentlich gut drüben angekommen ist und das Jüngerwerden geniessen kann. Meine Rosi hatte nun einen grossen Affen im Gepäck und deshalb einen unsteten Blick, aber es reichte immerhin, zu bemerken: „Was für ein Tag! Wieder was dazugelernt!“ Und ich, betrunken wie 100 Russen schmolz dahin wie Butter in der Sommersonne: „Meine Rosi, was für eine tolle Frau! Eine Starke! Nomen est omen! Mit ihr kann man Kriege gewinnen!“

Und nun? Sollte man über das Erlebte reden?
Ahem ….. alles Andere, nur das nicht.
Ehe man sich versieht, landet man wieder in einem fremden Universum, dem der Neuroleptika!