Der Idiot

So lautet der Titel von Dostojewski’s Hauptwerk. Die zentrale Figur dieses Romans ist ein junger Mann von Adel, Fürst Lew Myschkin. Er war wegen Epilepsie für Jahre in einem Schweizer Sanatorium untergebracht. Diese Isolation hat seine Persönlichkeit nicht reifen lassen; er zeigte ein eher kindliches Verhalten. Und dies ist der Grund, weshallb ihn die Gesellschaft einen Idioten nannte.

Im Alltag: Ich soll ein Bild aufhängen, greife zu Hammer und Nagel und dresche auf den Nagel ein. Treffe zwischendurch meinen Daumen.Es fliesst Blut, und meine Tochter, danebenstehend, murmelt „Idiot!“

Was ist beiden Fällen gemeinsam? Es ist offenkundig, nämlich der „Idiot“ als Werturteil. Und nicht bewusst wahrgenommen: Der Kontext.Er erklärt eine Äusserung, hier den „Idioten“.

Äusserung und Kontext sind nicht mit einer Werteordnung zu messen. Ob falsch oder richtig, wahr oder gelogen, gerecht oder ungerecht – mit all diesen Masstäben hat es nichts zu tun, denn beide Begriffe sind ausschliesslich sprachwissenschaftlich relevant.

Alles Denken, Sagen und Handeln des Menschen steht in einem Kontext. Wenn ich ein Zündholz entfache, dann weiss ich, was ich mit der Flamme tun will. Ich muss ja kein Haus anzünden; der Kontext dazu könnte lauten: Ich will wieder mal eine Flamme auspusten. Oder: Ich liebe Feuer! Vielleicht sitzt der Feuerteufel von Düdeldingen vor mir und träumt davon, eine Scheune anzuzünden. Dann ist der wesentliche Teil des Kontexts nicht erkennbar!

Kontext kann trivial, oder hochkomplex sein, wichtig oder unwichtig, kurz oder lang, zutreffend oder nicht – gleichgültig, was auch immer. Hauptsache, es gibt ihn und er erklärt.

Dahinter steckt eine simple Mechanik: Da ist ein Ereignis, das löst eine Äusserung aus, und das Ereignis wird gefühlt, gedacht, gesagt, geschrieben, gemalt, in Musik ausgedrückt oder in Stein gehauen zum Kontext. Aber Vorsicht! Dieses Gelände ist vermint!

Meine Tochter sagt zu mir: „Duuu, da vorne steht Dein Auto!“ Das ist unverkennbar eine Äusserung. Und ich suche im Stillen nach dem Kontext: Möchte sie es benutzen? Will sie mir verklaren, dass sie ein Auto als solches identifizieren kann? Oder denkt sie, ich erkenne mein Auto nicht mehr? Soll ich die Karre da wegholen und zu Hause abstellen? Oder stehe ich im Parkverbot? Ich habe die Auswahl. Vermute, sie will das Auto nutzen und reiche ihr wortlos den Zündschlüssel. Das ist nun eine neue Äusserung, diesmal von mir. Sie formt im Hirn ihren Kontext dazu: Wenn ich will, dass diese Karre da wegkommt, dann soll ich sie gefälligst selbst wegfahren. Aber ich werde dem Alten etwas husten! Und so gibt sie den Zündschlüssel zurück – und die Luft zwischen ihr und mir wird dick und dicker.

Fehlt nur noch, dass ein Nachbar vorbei kommt, die Dicke Luft bemerkt und sich anhört, was war (Kontext!) Und die Nachbar wird sich umdrehen und weitergehen, nicht ohne zu knurren: „Idioten!“

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