Mein Alter ego

Das Gestern war wieder einmal ein gebrauchter Tag, und zu allem Unglück wurde dieser Donnerstag für mich recht teuer. Nun, hart ist das Leben an der Küste. Ich sage mir das immer wieder, wenn mir die Wellen über dem Kopf zusammenschlagen. Nein, der Spruch tröstet gewiss nicht. Er erinnert mich jedoch an Tröstliches, nämlich an die Illusion, ein harter Hund zu sein. Und ja, auch ich neige dazu, halbe Sachen abzuliefern. Darum stehe ich nicht am Abend auf meiner Terrasse und heule voller Verzweiflung über den verdorbenen Tag den Mond an, obwohl mir danach ist. Zur Sache das Folgende.

Das gestrige Haupt-Event begann so:
Ich lief in unserer Wohnung hin und her, und sicherlich einige Male an einem riesigen Spiegel im Flur vorbei, ohne diesen auch nur wahrzunehmen. Nichts gegen Spiegel, aber sie sind mir nicht wichtig genug und ich ignoriere sie stets – bis gestern, an einem Donnerstag um 10:15 Uhr. Ein wenig verdrossen und gedankenverloren blickte ich in besagten großen Spiegel, und es traf mich wie ein Keulenschlag.

Ich bin zwar ein wenig gerundet, aber nicht mit rosa Hautfarbe gesegnet, sondern eher mit dem schmuddeligen Weiß eines Mehlsacks. Nicht so gestern früh. Ich schaute ungläubig in den Spiegel, und aus dem Spiegel schaute mich ein Afrikaner an, schwarzhäutig und mit negroiden Gesichtszügen, in denen ich nur Reste von mir wiederfand.

Wenn ich nun erzählen würde, ich sei irritiert gewesen – es wäre eine glatte Lüge. Nein, ich war zutiefst getroffen und entsetzt, und eine Flucht wurde nur verhindert, weil ich am Sauerstoff hänge; also habe ich den Schock ausgehalten, und dies, ohne mir in die Hose zu machen.

Noch während meiner Würgephase fing der Schwarze im Spiegel an zu reden.
„Na, wie isses, ein Schwarzer zu sein?“
Ich: Schweres Atmen. Kein Wort.
Er: Ich bin schwarz. Du bist weiss!
Ich: Kein Wort.
Er: Geh doch mal rüber zu Deiner Tochter!
Ich gehe nun ins Schlafzimmer. Dort gibts einen anderen Spiegel.
Er: Kommt mit.
Ich: Sehe schwarz.
Er: Lass die Faxen und besuche Deine Tochter!
Ich: Gehorche. Flüchte dorthin.
Ich: Hallo Nele!
Sie: Hallo Papa! Was gibts?
Ich: Nichts. Wollte nur Hallo sagen.
Ich gehe zurück zum Spiegel.
Ich: Verdammt, ich sehe einen Neger!
Er: Kommt er jetzt raus, der versteckte, unterdrückte Rassist?
Du siehst einen Afrikaner, sagst Neger und denkst Bimbo!
Ich:Nele hat keinen Schwarzen gesehen ….. was’n bloss los?
Er: Du solltest es wissen. Spiegel sagen immer ….. immer die Wahrheit.
Ich: Wortlos.
Er: Negerküsse heissen nun Schokoküsse!
Ich gedacht: Der Bimbo spinnt!
Er: Ich kann Gedanken lesen!
Ich: War nicht so gemeint ….. tut mir leid!
Ich: Mir reichts. Ich kann nicht mehr. Muss nachdenken.
Er: Na dann kann ich ja gehen! Denken nützt fast immer!

Ich fühlte mich leer wie ein Wassereimer ohne Boden. Fluchte in mich hinein, was das Zeug hält. Details dazu sind für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Schliesslich blickte ich auf und sah im Spiegel den Mehlwurm, wie meine Frau ihn kannte. Ich bin 81 und sehe aus wie aus Quark gefertigt.

Einige Minuten der Erholung waren nötig, aber dann kam er wieder. Tröpfchenweise, leise, aber deutlich spürbar, mein ständiger Begleiter in allen Lebenslagen, er, dem ich übel nehmen müsste, weil er mich eine saure Suppe allein auslöffeln liess: Der Humor. Und er flüsterte mir ein: War doch ein strammer Bursche, dieser Schwarze! Ein richtig hübscher Kerl! Du hättest in seine Haut reinkriechen sollen!

Dann wäre er jetzt krank und würde japsen wie ich. Soll ich etwa in Schönheit sterben?
Tolles Projekt!

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