Bin ich irre?

Wir alle haben solche Situationen erlebt, die Zweifel am Geisteszustand der Akteure provozierten. Vielleicht haben wir uns gelegentlich sogar selbst in Frage gestellt. Korrekt formuliert geht es um eine Verfassung, bei der man sich als verstört empfindet, oder schlimmer, als gestört.

Das ist just heute wieder einmal für mich angesagt. Ich schildere kurz, was mich bewegt.

Ich sitze am Küchentisch. Vor mir sitzen zwei Katzen in zwei Brotkörben. Das ist so geduldet. Und vor mir steht mein Frühstück, bestehend aus Kaffee, Salzbagel und Marmelade.
Am Tisch sitzt auch meine Tochter, und wir führen eine zugegeben schleppende Unterhaltung; Müdigkeit dominiert die Szene.

Bis dahin ist alles normal. Aber irgendwann, ich strich gerade ein Löffelchen Pflaumenmus auf ein Bagelstück, irgendwann entstand vor meinem geistigen Auge ein Bild:

Hamburg-Othmarschen, Elbchaussee. In der Strassenmitte, genau auf einem weissen Strich steht ein Sarg, längs ausgerichtet, sodass der Verkehr nicht behindert ist. Der Sarg ist geschlossen, aber der Deckel ist nicht verschraubt, also leicht abzunehmen.

Hast Du dieses Bild nun auch? Nimm eine andere Strasse, eine aus Deinem Wohngebiet. Hauptsache, es gibt dort viel Verkehr.

Und nun erkläre mir einer, was ich mit dieser Szene anfangen soll. Ich sage an, was nicht geht. Ich kann sie nicht verdrängen, kriege sie nicht aus dem Kopf. Und nun?

(Anmerkung: Keine Ahnung, wie die Geschichte, weitergehen soll. Keine Idee. Unklug, überhaupt zu beginnen. Ich esse eine Banane. Sie ist unreif. Im Ärger vergesse ich den imaginären Sarg. Aber siehe da: Meine Geschichte geht nun doch weiter. Unglaublich, wieviel Kraft in so einer grünen Banane steckt!)

Da steht also ein Sarg auf der Elbchaussee, der Deckel ist lose aufgelegt. Und es besteht kein Zweifel an der Tatsache, dass ich dorthin muss, um in den Sarg zu schauen. Ich warte eine Lücke im Autoverkehr ab, und husche hinüber. Stehe davor und staune: Die Kiste ist schwarz, und aus Eiche gefertigt. Das Holz gleicht fossiler Mooreiche. Ich denke „Jetzt bloss keine Moorleiche!“, auch wenns passen würde. Ich streiche mit einer Hand über den Deckel, spüre die Wärme des Holzes und weiss plötzlich, dass man diesen Sarg nur für mich dort hingestellt haben kann.
Er gehört mir. Und jetzt will ich den Inhalt sehen. Ich blicke aufmerksam nach links und nach rechts. Die Strasse ist voller Autos, aber keiner der Fahrer hält an. Es keimt in mir der Verdacht, dass man mich nicht sehen kann. Das ist mir momentan völlig gleichgültig; ich muss endlich den Deckel anheben und hineinschauen!

Gedacht – getan. Ich sehe in dem schwarzen Sarg ein dreidimensionales Stadtbild, sonnendurchflutet, durch ein Gewässer begrenzt, auf dem eine Autofähre unterwegs ist, und in den Strassen der Stadt gehen ameisengrosse Menschen irgendwo hin, oder her.
Ich lasse den Sargdeckel fallen, setze mich auf die Kiste und beginne, an meinem Verstand zu zweifeln. In solchen Situationen beginne ich damit, mir gut zuzureden. Ich sage mir selbst, dass nicht jeder eine so tolle Leiche ….. heilige Scheisse!
Runter von der Kiste – Deckel auf – wo ist meine Stadt?

Ich sehe nichts als Sand. Wüste? Und zu allem Überfluss beginnt es im Sarg zu dunkeln. Eine unangenehme Kälte entsteigt dem Möbel, und ich schliesse rasch den Deckel. Was zum Teufel war das jetzt? Schon sitze ich wieder auf fossiler Mooreiche und bin verwirrt. Ein Angstgefühl greift nach mir. Was wird mir der Sarg zeigen, wenn ich ihn erneut öffne? Ich will den Deckel nicht mehr anfassen, aber ich muss einfach. Irgendeine unbekannte Kraft zwingt mich dazu!

Nun, ich habe die seltsame Kiste ein drittes Mal geöffnet. Ich sehe nur einen Sternehimmel. Eine Telekamera zeigt mir schliesslich einen Ausschnitt mit einer sterbenden Sonne, und als ein blauer Planet vorbei schwebt, auf dem ich die Umrisse des Kontinents Afrika wahrnehme, wird mir übel. Ich lasse den Sargdeckel fallen und fliehe. Ich träume, denke ich. Das kann nicht Wirklichkeit sein. Ich will aufwachen und mich bei einer heissen Tasse Kaffee über einen interessanten Traum freuen!

Ich sitze in meinem Auto, und mir ist kalt. Als irgendwer an mein Autofenster klopft und mich anbrüllt, ich solle gefälligst wegfahren, damit er sein Grundstück verlassen könne, erkenne ich: Es war kein Traum. Zwei alte Männer kommen vorbei, und ich höre, wie sich einer über diese Kälte beklagt, die so garnicht in den Monat August passt, auch nicht in Hamburg!

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist 10 Uhr 45, also später Vormittag. Ich friere, mache mich auf den Weg nach Hause.
Hinter dem Elbtunnel schalte ich meine Autoscheinwerfer zu,
damit ich in der Dunkelheit meine Autobahnausfahrt nicht verpasse. Ich fahre durch Finkenwerder. Licht spenden nur die Fahrzeuge. Die Strassenlaternen sind wohl timer-gesteuert und beleuchten erst ab 21 Uhr. Meine Digitaluhr im Auto zeigt 11 Uhr 15 an, und die Heizung meines Wagens spendet angenehme Wärme. Dennoch jagen mir Kälteschauer über den Rücken – denn ich weiss, was gerade geschieht.

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