Die Toscana – ist jede Erinnerung wert

Siena – Piazza del Campo und Torre del Mangia

mailto: maurizio@raiuno.com

Ich wollt´, ich wär´ein Trüffelschwein,
dann zög´ich mir ´n Trüffel rein
wie´n Kinderkopf so gross.
Statt dessen bin ich klein, und fein,
schwimme umher in Chianti-Wein
als Bratenstück mit Soss´.

Buon giorno, Mauro, Du alter Florentiner!

Dieser dämliche Vers ist mir gestern Nacht im Bett eingefallen. Nach der Soss´ bin ich direkt hinübergeglitten – in Morpheus´ Arme. Und heute morgen war er wieder da, der Vers (nicht der Morpheus). Ich glaube, das hat etwas zu bedeuten. Vermutlich ist es schon wieder viel zu lange her, seit wir die Toscana besuchten. Du erinnerst Dich an Montaione, ja? Was für ein Nest! Und was für ein grandioser Lebensmittelhändler, der keine zwei Eier verkaufen kann, ohne dazu eine halbe Arie aus einer Verdi-Oper zu singen!

Ich weiss, dass Du Dein Land liebst, mein Freund. Ich bewundere Dein unbeirrbares Bemühen, bella Italia in harmonischen Bildern zu schildern. Mussolini, ach den vergiss mal, lass uns doch über Macchiavelli diskutieren, der ist interessant, immer noch modern, ein Leitbild der Staatslenkung – was redest Du über den Bossi, den Idioten! Hast Du Baudolino von Umberto Eco gelesen? Na, was sagst Du dazu? Grandios, nicht wahr, und die Mafia, die Mafia … mama mia, was soll man damit? Die sind doch schon alle im Gefängnis, und der Rest bringt sich selbst um – ja, Berlusconi, da hast Du recht. Unschön zwar, aber der beseitigt sich selbst, Du wirst sehen! Wann kommst Du wieder nach Florenz?

Mauro, Mauro! Du Meister der Ausflüchte und der Simplifizierung, natürlich werde ich wieder mal in die Toskana reisen, und diesmal alle Orte auslassen, die mein Reiseführer anpreist, oder ich werde San Gimignano zu später Stunde besuchen, wenn alle anderen Touristen müde in ihren Bussen Richtung Hotel in San Irgendwo abgedüst sind.
Ich möchte dort mit Dir einen Sassicaia trinken, wenn er dekantiert serviert wird, oder an dem alten Travertin-Brunnen sitzend eine riesige Portion Gelato aus der Hand des Meisters von gegenüber geniessen, und schliesslich bei Einbruch der Dämmerung einen der Türme besteigen und die Landschaft in einem Rausch von Pastellfarben eintauchen zu sehen, darauf zu warten, wie die untergegangene Sonne neue Stimmungsbilder gestaltet – und dass der Abend schliesslich das Licht ausknipst. Das bringts.
Cu, nächstes Jahr, aber nicht in Jerusalem, eher in Firenze!
Cari saluti!
Roland

„Keine anderer Ort öffnet Dir sein Herz so wie die Stadt Siena!“

So eine Inschrift an der Porta di Camollia, einem Tor zur Altsatdt von Siena.

Und keine andere Kirche hat mich je so willkommen geheissen wie der Dom von Siena, dessen Baumeister mit den Farben des Marmor verschwenderisch, und doch in vollendeter Harmonie ein Wunder errichtet haben – man kann sagen ein doppeltes Wunder, denn diese Kirche ist nicht nur einmalig, schön im eigentlichen Sinne, nein, sie fasziniert auf eine nie erlebte Weise, hält den Besucher gefangen, indem sie ihm das Gefühl vermittelt, hier zu Hause zu sein. So jedenfalls habe ich den Dom von Siena erlebt.
Eigentlich unfassbar – für einen Atheisten. Man soll eben nie nie sagen.