Noch ein Blick nach innen

Das Leben ist wie ….. tja, wie was? Gängiges Klischee einsetzen? Wäre Blödsinn, dann versteht keiner, was gemeint ist. Ich erzähle eh nicht, wie das Leben ist. Kenne ohnehin nur mein eigenes. Es gibt Hauptsachen, Nebensachen, Ursachen. So Sachen halt. Ich denke, also lebe ich. Das wäre eine Hauptsache. Wortspiele – Nebensache. Ich sitze auf einer Parkbank – Hauptsache. Nebenan knötet ein Hund – Ursache. Es riecht nicht gut – Nebensache.

Ich blicke. Das langt nicht hin. Ich blicke sinnig. Blöde wäre erst noch zu definieren. Ist was für die anderen. Ich kann das jetzt nicht. Keine Zeit. Bin zu sehr mir nichts beschäftigt.

Da gibt es das durchaus vergleichbare Riesenproblem der Definition für „normal“. Ja, ich weiss auch, was normal ist, und was nicht. Jeder weiss das, hat es mit der Muttermilch eingesogen. Nur Milupa-Kinder können da nicht mithalten. Schweres Leben, wenn Mama keine Milch hatte.

Empirisch betrachtet ist für Normale das Blöde unnormal, das Normale wiederum ist für Blöde unnormal, während sie das Blöde als normal bezeichnen, und Normale finden tatsächlich das Normale als normal, und das Blöde für blöd. Die Frage nach dem anormal könnte ich hier reinfriggeln, lasse ich jedoch offen wegen Handgranaten-Effekt.

Ordnungssysteme dieser Art lassen sich für jedes andere Gegensatzpaar rein subjektiver Klassifizierung durchdeklinieren, siehe Sinn und Unsinn, moralisch und amoralisch beispielsweise. Normal – anormal – paranormal – ja, ich werde den Begriff paranormal an die Stelle von blöde setzen. Das ist zwar definitiv falsch, aber es hört sich gut an, und kaum einer weiss, was paranormal wirklich meint.

Überträgt man das Prinzip ins Gegenständliche, so lässt sich der Blödsinn steigern: Definiere Kraut und Unkraut! Oder noch eins drauf: Definiere Kosten und Unkosten! Oder gar Fug und Unfug!

Jawohl, es bringt mir Freude, Sprache wie ein Gummiband zu benutzen, Verzerrungen zu produzieren, dann wieder loszulassen, zu hören, wie es patscht, wenn ernsthafte Linguisten sich erregen, den Missbrauch eines hohen Kulturguts beklagen, Unernstes mit Ernstem verwechseln und die Verballhornung durch Computer-Kauderwelsch gleichsetzen mit dem berühmten AKÜFI (tut mir leid, meint Abkürzungsfimmel), dem Durchseuchen des Deutschen mit Anglizismen, der sprachlichen Präferenz neo-linguistischer Parvenues für extraordinäre Expressionen, Himmel nein, ich meine hierbei keineswegs dieses Register am Harmonium, das für echtes Tröten sorgen soll, jedermann kennt die Registerknöpfe, oder hat wenigstens ihre Wirkung schon vernommen.

Da haben wirs. Schon wieder fällt mir Georg Kreisler ein: Gehn mer Tauben vergiften im Park! Fällt mir immer ein, wenn ich auf einer Parkbank herumsitze und nicht weiss, was ich mir hier ansehen soll. Habe schon alles gesehen und vieles ausprobiert. Da wäre beispielsweise der Panorama-Blick. Verständlich ausgedrückt: Breitwand, alles rein ins Bild. Zwei kurze Blicke, einen halblinks, einen halbrechts, beide sinnvoll zu einem Ganzen zusammengefügt, dies und ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis genügen für diese Sicht in CineMaxx-Format. Dann die Prüfung des Erfassten. Kontrollblicke. Alles drin? Gibt’s schon wieder Veränderungen? Sind solche von Bedeutung? Will ich überhaupt dran herumbasteln? Alles fertig? Dann:

Ist es schön? Ist´s interessant? Romantisch? Englisch, oder wenigstens katholisch? Natürlich ist es nichts davon, es ist eigentlich nur ….. wie immer.

Ich habe drei weitere Wochen benötigt, um eine neue Idee zu entwickeln. Habe sie ausprobiert, im Spot-Format geguckt. Ein Hund auf dem Weg. Nicht mehr. Computerwissen angewandt; markieren, ausschneiden, Zwischenablage, löschen. Ein Viertel Ententeich, mal mit, mal ohne Ente. Mal alter Mann mit Taube, dann Taube ohne alten Mann, dem geht es hoffentlich gut, sah krank aus – sofort bemerke ich die Entgleisung, ein unzulässiger Gedanke, ist ein Kontext zum Taubenbild, nichts, was ich sehen könnte, Gedachtes wird aus dem Tagesprotokoll gestrichen, nur Gegucktes ist relevant.

Neuer Spot: Ein Jogger joggt, was sonst auch. Sabber rinnt ihm über das Kinn, immerhin eine zwar unappetitliche, aber eine neue Variante eines alten Themas, des Sports nämlich. No sports. Aber nicht jeder ist Sir Winston´s Meinung. Der da auch nicht. Hat eine sehr effiziente Methode des Abnehmens entwickelt, verbraucht Kalorien beim Rennen und Flüssigkeit beim Schwitzen und Sabbern. Muss er sich bei den Bordeaux-Doggen abgeschaut haben. To jog – mühsam gehen, zuckeln, trotten – stimmt!

Schon wieder im Kontext. Es geht wohl doch nicht ohne. Nur Computer halten Disziplin. Sind zu paranormal für Individualität. Ein Vorteil, und ein Nachteil zugleich.

Irgendwann fasse ich zusammen. Ohne Spot hätte ich den Sabber beim Jogger nie bemerkt – ein Gewinn. Aber was soll ich mit einer Ente? Mit jener alten Dame, die nicht wie meine Grossmutter aussieht? Mit der Cola-Dose mitten auf dem Weg? Alles paranormal! In diesem Moment stosse ich auf ein sprachliches Dilemma, weil paranormal sein soll, was nicht auf natürliche Weise erklärt werden kann. Es keimt der Verdacht, dass ich mit mir selbst Unfug treibe. Linke gegen rechte Gehirnhälfte, oder was?

Ich konzentriere mich auf diese völlig normale Cola-Dose. Siehe da, es steht Holsten Pils drauf. Registriere Trainingsbedarf für den Spot. Ist wohl wie beim Spagat, oder beim Spaghetti-Essen. Training ist alles. Spargel mag ich nicht. Man riecht hinterher nach tibetanischer Bergziege. Tibet, das wäre was. Muss mal wieder Lamm mit Reisnudeln beim Griechen essen, wenns schon nicht Tibetisch sein kann. Und auf Tee mit Yakbutter kann ich ohnehin verzichten. Schmeckt wahrscheinlich so, wie Spargelpipi riecht.

So sitze ich auf dieser Parkbank und versinke in sprachlichen Übungen, gedanklichen Entgleisungen, lasse mich von Assoziationen verführen, komme mir zwischendurch auch mal kindisch vor, weiss am Ende nicht mehr, ob ich mich im Englischen Garten in München, oder auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg aufhalte. Eine eigentümliche Situation. Man stelle sich vor, man sitzt auf dem Ohlsdorfer Friedhof und kriegt einen grossen Durst auf eine Mass Bier! Da bleibt doch nur der Wasserhahn, wo sonst Witwen ihre Giesskännchen füllen, nicht wahr? Schauderhaft! Und andersrum gedacht: Münchner Witwen gehen mit Giesskannen zum Biergarten, um – nein, das geht zu weit, obschon „eine Kanne Bier“ sicher mal ein gängiges Wirtshaus-Mass gewesen sein mag, als man das Bier noch Met nannte und bevor der Honig durch Hopfen und Malz ersetzt wurde.

Ich sitze noch immer auf der Parkbank. Ein Blick zur Uhr hat mir gesagt, ich müsse eine weitere Stunde aushalten, bis zu Hause die Pellkartoffeln gar sind. Mag Pellkartoffeln. In solcher Stimmung macht mir ein Passant mit Vollglatze einen rechten Appetit. Gross, rund, glatt und gelb. Mehlig? Um Himmels willen, ich kenne den Mann doch gar nicht! Ich versuche anschliessend herauszufinden, wie ein Schnittlauchquark vorbeidefiliert. Vielleicht eine Lady mit weissem Sommerhut, welcher mit Grün drapiert wäre. Hackte man das Grün und streut es es über den Deckel, käme es hin …. schmeckte wahrscheinlich wie unsere Kokosmatte vor der Haustür, aber optisch ginge es an.

Andererseits: Er kann ja nichts dafür, dass in seinem kleinen Kopf ein grosses Hirn keinen Platz findet. Umgekehrt ist es möglich, und darum vielfache Realität. Der Mensch ist eben doch die Krone der Schöpfung, und nicht der Schwan.

Der Jogger kommt zurück. Ich habe noch fünfundzwanzig Minuten bis zu den Pellkartoffeln. Dieser Mensch dort hat nun einen grossen nassen Fleck auf der Brust. Dunkelbeige auf hellbeige. Er muss seine Sabberproduktion gesteigert haben, während er sein Tempo reduzierte. Wo zum Teufel hat er nachgefüllt? Im Englischen Garten in München hätte es Bier sein können, auf dem Ohlsdorfer Friedhof Wasser aus dem Hahn, womöglich sogar aus irgendeinem appetitlichen Giesskännchen einer trauernden Witwe. Jogger eilen, und Witwen weilen, nicht wahr? Jogger sabbern und Witwen labern – wir stanzen uns zwei neue Klischees!
Was für ein Quatsch.

Immer noch 10 Minuten, und ich beginne zu speicheln! Wie man weiss, lassen Jogger einfach laufen. Die dürfen das. Jedermann weiss, dass Hunde über die Zunge schwitzen. Zählt man hilfsweise die Jogger zu dieser Lebensform, macht alles Sinn. Nur die Kleidung scheint dann unzweckmässig, wegen ….. gut, jetzt nicht schlüpfrig werden, vergessen wir den Gedanken, bloss nicht weiterspinnen, obwohl etwas drinsteckt, kunstvoll ausformuliert werden könnte, so ganz im Sinne der Neuen Deutschen Comedy à la Mittermaier, nein, um Himmels Willen, der Michi, nicht die Rosi! Die hat ganz anders gewedelt, nicht wahr? Das ist schon Jahre her.

Fünf Minuten. Jetzt mache ich mich auf den Weg nach Hause. Wenn ich vorne am Kiosk noch ein Bierchen trinke, bin ich zur rechten Zeit am Kartoffeltopf. Nur dass Madame das dann bemerkt und ihre 2-Minuten-Gift-Nummer gibt. Dabei wirkt Bierfahne wie Pfefferminzfahne gleichermassen auslösend, hat somit dieselbe Wirkung. Bist wieder nicht an Edi vorbeigekommen, die ewige Biersauferei, guck Dir Deine Wampe an – die allseits und international beliebte Zwei-Minuten-Bürsten-Massage für den Herrn. Mit einem eiskalten Wasserguss kombiniert härtet das ab. Ist somit gesund. Ohne Wasserguss härtet es auch ab, ist dann aber ungesund.

Ich habe mir den Spass gegönnt, Pefferminz zu lutschen, ohne vorher Bier getrunken zu haben. Das setzt meine Frau direkt ins Unrecht. So habe ich sie ausgetrickst. Sie lässt sich beim Giften zwar nicht aufhalten, aber ich fühle mich dabei richtig überlegen. Und die Pellkartoffeln schmecken doppelt gut. Diese Taktik ist übrigens ein Beweis für den Sieg der Intelligenz über die Emotion. Der Nachteil: Ich habe kein Bierchen gehabt. Jedes Ding hat eben zwei Seiten, und nichts gibt’s umsonst.

Pellkartoffeln mit Schnittlauchquark. Gewiss, dies ist eine eher schlichte Kost. Warum ist Schlichtes schlecht? Nehmen wir den Quark. Die Chinesen sagen, Käse sei schlecht gewordene Milch. Und das ist wahr, das ist Quark nun mal. Und was ist nun an Quark schlecht? Schlechtes muss nicht schlecht sein. Und Wahres muss nicht wahr sein, wenn Käse nichts Schlechtes ist. In beiden Fällen kommt´s auf den Kontext an, auf den wir so wenig Zeit und Mühe verwenden. Dabei kann der Mensch denken, wie die Fliege guckt, nämlich in Facetten. Will er aber nicht. Lieber irren. Selektiv zuhören. Wahrgenommenes verdrängen. Klischee statt Wahrnehmung verwenden. Wäre der Mensch flüssig, dann würde ein auf ihn geworfener Stein Ringe erzeugen, die nicht auseinander streben, sondern ins Zentrum – umgekehrte Richtung einschlagend, um sich über dem Stein zu vereinigen – mitten im Ego!

Käse! Nun bin ich glatt fünf Minuten zu spät dran, und sitze immer noch auf dieser Parkbank. Unbequem, das Ding. Holz auf Beton, aber nicht ergonomisch. Wurde wahrscheinlich in den USA für Vietnam gebaut und vom CIA getestet, als die Amis dort noch Krieg führten. Der Konstrukteur hatte anscheinend die Vision von Vietkong mit Wirbelsäulenschäden jeglicher Art. Die Amis bringen auch das noch. Sind ganz liebe Bushbabies.

Ich komme einfach nicht hoch. Sässe ich im Englischen Garten, dann würde mich Harndrang von der Bank vertreiben. Spaten-Bräu wirkt so. Beim Zustand meiner Prostata wäre ich schon im Gebüsch verschwunden. Nichts dergleichen geschieht.

Fünfzehn Minuten plus. Nun kann ich auch im noch Sturmschritt marschieren. Erst mal hoch. So. Ich stehe schon mal. Und nun wieder hinsetzen. Jesus! Die alten Knochen! Jetzt wieder hoch. Los. Jetzt. Hopp! Hoffentlich sieht niemand her, ich mache da wohl keine gute Figur. Heiligs Blechle!

Ja, hat funktioniert, ich stehe wieder, mache das Kreuz gerade. Ich konzentriere mich auf den ersten Schritt. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Es geht doch. Erst ein Blick auf den Schwan und seine Weiber, faules Vieh, dümpelt auf dem Teich, ohne eine Schwimmhaut zu bemühen, gründeln ihren Schnittlauch, müssen nicht mal aufs Klo rennen, wenn sie sich überfressen haben, was sie eh nicht können, weil die Natur dafür sorgt, dass sie nur so viel fressen, wie sie brauchen, und warum tut sie das nicht bei mir, die alte Mutter Natur? – aber ich gehe plötzlich. Halte wieder an, werfe ein Pfefferminz-Bonbon ein und gehe weiter. Erst gemessenen Schrittes, wie man so sagt, dann das Tempo langsam steigernd, dabei den ersten Schwung mitnehmend. Ordne an: Heute kein Bierchen bei Edi. Ich bin auf dem Wege.