Ein Blick zurück

Extreme Situationen führen dazu, die Fassung zu verlieren; man reagiert extrem, und das bringt im Regelfall ziemlichen Qualm in die Bude. Damit geht jede Sicht verloren – insbesondere auch die Einsicht. Man fühlt mich schlecht, und man schmeckt Dummheit auf der Zunge. Aus der Mücke ist ein Elefant geworden, so sieht man das, und der aussenstehende Beobachter schüttelt nur noch resigniert den Kopf. Wir alle kennen solche Situationen, aber wir wagen es nicht, das Ding beim Namen zu nennen: Der Betroffene hat sich zum Arschloch gemacht, er wird so gesehen, und man behandelt ihn entsprechend.

Währenddessen ist das A. längst damit beschäftigt, den Qualm aus der Küche zu entfernen. Er bedient sich besonderer, hochwirksamer rhetorischer Techniken, und der Dampf kondensiert, setzt sich auf der Haut der Anwesenden ab und trocknet dort. Das A. ist nun davon überzeugt, dass er die Extremsituation bewältigt hat. Ok, das kann man so sehen. Aber was man nicht sieht, ist das Gift, das auf der Haut zurückbleibt, man könnte es mit mikroskopisch feinen Kristallen vergleichen, und man muss es Depotgift nennen. Es geht unter die Haut gegangen und kann folglich nicht abgewaschen werden. Und subkutan wächst der Bestand an Depotgift ein wenig, aber kontinuierlich jedes Mal, wenn A. wieder seine cholerischen 5 Minuten auslebt.

Nun ist das Depotgift für den Träger alles andere als bekömmlich. Es vergiftet das Denken, bewirkt psychische und psychosomatische Erkrankungen usw. Das Gift ist nachhaltig und wirkt unbemerkt und langfristig. Das A. kann längst tot sein – es findet sich immer wieder ein Trigger, der den Menschen temporär toxisch werden lässt. Der Giftvorrat ist etwas für’s Leben!

Nun mag es das Schicksal so bestimmen, dass das A. steinalt wird. Und im Laufe seines Alterungsprozesses wurde aus dem Saulus ein Paulus. Er ist nicht mehr das A., sondern ein stets milde gestimmtes, tolerantes, grosszügiges und auf seine spezifische Art freundliches Wesen. Und so sitzt er beim Nachmittagskaffee, man hatte ihm ein Stück Apfelkuchen gekauft, und er stellt sich wie so oft in letzter Zeit Fragen:

Wer bin ich überhaupt? Habe ich mich je selbst gekannt? Bin ich ein A. ohne Saft und Kraft, oder habe ich dieses unfeine Kostüm längst abgelegt und lebe mein wahres Ich? Bin ich das wirklich, der heute seinen Kaffee aus der Schnabeltasse trinkt? Und wer oder was hat mir dieses Scheiss-A.-Kostüm verpasst? Niemand antwortet.

Die Hand zittert, und es fällt ein Stückchen Kuchen auf den Fussboden. Der Nobody blickt nach unten, und dann zurück, und es schleicht sich ein wenig Trauer in sein Gemüt.
Er erkennt, ein Stück Lebenszeit vergeudet zu haben, und ein Stück Kuchen obendrein.

Er blickt auf. Die Sonne ist rausgekommen! Keine Zeit für Traurigsein! Soeben hat wieder einmal der Rest seines Lebens begonnen – und der wird immer kostbarer.