Befremdlich? Nein – heimisch!

Mag sein, ich war 6 oder 7 Jahre alt, als ich meine Sympathie für Spinnen entwickelte.
Diese Zuneigung ging einher mit einem dringenden Verlangen, zu töten.

Vielleicht denkst Du nun, der Junge hatte sicherlich nicht alle Tassen im Schrank. Vielleicht hast Du mit dieser Vermutung sogar recht. Da ich Betroffener bin, steht mir kein Urteil zu. Vielleicht habe ich diese Macke heute noch. Und vielleicht haben alle Menschen irgendwelche grösseren oder kleinere Dachschäden dieser Art. Was weiss ich!

Um voran zu kommen: Ich habe endlos und mit Vergnügen Tiere getötet, und an meine Spinnen verfüttert. Hühner? Mitnichten. Nein, ich habe Fliegen gejagt und per Pinzette an die grossen Spinnen weitergereicht. Das ging einfach zu machen. Man hängt de Fliege ins Spinnennetz, und die Spinne holt sich den Kadaver. Geredet wird da nicht.

Ich war stolz. Meine Spinnen hausten in den Fugen einer grossen Sandsteinmauer, und sie gediehen prächtig. Mein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft, und meine Mutter gruselte sich vor meinen Schätzchen. Also waren die Tiere vor meinem Vater sicher, von meiner Mutter gefürchtet, und von mir hoch geschätzt.

An meinem Standpunkt hat sich bis zur Stunde nichts geändert. Ich meine, man sollte alle Geschöpfe, alles Lebende in unserer Welt achten, und manche darf man auch bewundern oder gar lieben, wie ich etwa meine Spinnen. Als ich im Schwarzwald zwischen zwei Bäumen ein perfekt im Sechseck gewebten Spinnennetz von knapp 120 cm Durchmesser fand, war ich hin und weg. Als Marie auftauchte, ein wirklich fettes Luder, sich für 10 Minuten vor den Fernseher setzte und dann wieder verschwand, war ich noch verwundert. Aber Marie kam stets zur selben Zeit 2 Wochen lang zum Fernsehn. Dazu ist mir nichts mehr eingefallen. Oder nimm einen jungen Weberknecht; Körper so gross wie ein Viertel Stecknadelkopf, also kaum wahrnehmbar, und überlange Stelzen dran, so um die 15 mm – und dieses Wesen lebt, kommt angedackelt durch mein Bürofenster, schaut sich meinen Schreibtisch an, und geht wieder. Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die ein solches Geschöpf einfach zerdrücken, macht mich fassungslos.

Es trifft mich übrigens gleichermassen, wenn man einen 200 Jahre alten Baum umlegt, weil ein rammdösiger Autofahrer geistig benebelt dagegen gefahren ist. Es gilt: Der Baum ist die Gefahr, nicht der Autofahrer!

„Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.“


So redete schon Arthur Schopenhauer,
ein deutscher Philosoph (1788 bis 1860).
Der wusste, warum.

3 Antworten auf “Befremdlich? Nein – heimisch!”

    1. schon richtig, aber überforderung für einen zwerg von 7 jahren. dennoch töte ich weiter. mücken und fliegen, die mich piesacken.
      und ich bin dabei absolut gewissenlos. naja, als atheist bin ich ohnehin nur für die hölle qualifiziert.

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