Kalle und das Glück

Kalle sass wie jeden Tag auf dem Bürgersteig, sein Hund schmiegte sich an ihn, und seine Blechbüchse vor ihm war immer noch leer. Er hatte sich einen Platz vor dem Eingang zur Sparkasse gesichert und genoss den Publikumsverkehr. Immer, wenn die grosse Glastür geöffnet wurde, ergoss sich eine Welle Warmluft über das Duo und hielt die Erinnerung an bessere Zeiten wach. Platte machen im Winter – das Leben fragt nicht danach, ob das und wie das gehen soll.

Es dauerte, bis Kalle aus dem Dösen erwachte, weil die erste Münze in der Blechkiste
schepperte; ein kurzer Blick auf den Euro weckte die Hoffnung auf einen ertragreichen Tag. So nannte er Tage, an denen sich mehr als 10 Euro in seiner Lebkuchendose fanden.

Es war nun angesagt, sich ein wenig um den Hund zu kümmern. Futter war nicht vorhanden, aber zwei Hände, die kraulen konnten. Das Ritual wurde mit Hingabe absolviert, denn diese Töle ist weit mehr als nützlich. Sie ist zunächst Kalle’s bester Kumpel, und das zeigt sie ihm täglich mit ihren Liebesbeweisen. In den kalten Nächten rückt sie heran und gibt ein wenig Körperwärme an Kalle ab – oder sie sucht seine Wärme. Und sie animiert Tierfreunde, ein wenig grosszügiger zu spenden. So landet auch gelegentlich ein 5-Euro-Scheinchen in der Dose.

Dumme Sache. Wer auf der Strasse lebt, hat einen wirklich gefährlichen Feind. Es ist der Winter. Sobald der erste Frost kommt, schalten sich alle Sinne auf ein einziges Ziel: Überleben! Kalle ist privilegiert. Irgendwer hat ihm zwei Fleece-Decken geschenkt, und so kann er mit seinem Hund den schlimmen Frösten entkommen.

Nun, an einem kalten, trüben Januartag wie dem heutigen hält sich der Publikumsverkehr in Grenzen, entsprechend armselig ist die Kalle’s Ausbeute. So gegen 15 Uhr kam ein Passant vorbei, hielt vor Kalle kurz an, ohne Penner und Hund wahrzunehmen, zog ein Taschentuch aus der Manteltasche und wischte sich kurz die Nase. Ein rötlicher Zettel fiel zu Boden. Der Passant schaute auf seine Uhr und ging rasch weiter. Gleichzeitig erkannte Kalle, dass ein 50-Euro-Scheinchen, sauber gefaltet, auf dem Pflaster lag. Kalle rief sofort: „Hallo Sie! Hallo Sie haben etwas …..“ Aber der Passant war um die nächste Ecke verschwunden. Kalle nahm den 50er, faltete ihn auseinender und brachte seinen Satz zu Ende mit “ ….. verloren!“ Nun überwältigten ihn seine Gefühle. Alles drehte sich um die Frage, ob er das Geld behalten dürfe, oder in einer Polizeiwache abliefern müsse. Irgendwann schaltete sich die Vernunft ein und ordnete „Behalten“ an. Er kam auf die Beine, ging in die Sparkasse und liess sich den 50er umtauschen in 5 Zehner., dann 3 Zehner in 6 Fünfer.
Damit ging er hinaus und zeigte seinem Hund eine Handvoll Geldscheine: „Fühlt sich gut an!“ Dann zog er eine gammelige Geldbörse aus der Tiefe seiner konfusen Bekleidung und schob die 8 Scheine in das grosse Fach, um danach andächtig hinzuschauen und den Anblick zu geniessen. Heute abend würde er für sich und seinen Hund eine ordentliche Mahlzeit kaufen und dafür 15 Euro ausgeben: Buletten und Bier aus der Würstchenbude gegenüber. Und der Eigentümer würde wie immer eine Bratwurst obendrauf legen.
Und morgen? Kalle spekuliert. „Morgen mache ich 12 Euro, heute habe ich 3 oder vier bekommen, dann habe ich morgen am Abend immer noch 50! Wenn wir nichts essen.“

Während Kalle auf diese Weise vor sich hin simulierte, sass der Passant wieder in seinem Büro am Schreibtisch und fühlte sich gut. Er war sicher, dass der Penner den Geldschein gefunden hatte, denn er hatte das leise Rufen: „Hallo, Sie haben …..“ gehört. Der Penner wollte das Fundstück wirklich zurückgeben! Vielleicht hat er deshalb ein Stück Würde und Selbstachtung empfunden und über sich selbst erfahren, dass er trotz allem Unglück ein aufrechter, ehrlicher Mann geblieben ist.

Dann, so dachte er, ist der Fuffziger wirklich gut angelegt.

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