Frankreich – wie ich es mag

Cours Mirabeau in Aix en Provence

Merde! Je suis un pauvre, mais je m’appelle riche! (vielmehr Risch)

Frage jetzt nicht, was dieser Unfug soll. Ich kann nichts dafür, dass mir heute morgen beim Aufstehen dieses Wortspiel durch den Kopf geisterte. Es wäre auch unwahr. Zwar bin ich arm, aber ich nenne mich nicht Reich, auch nicht reich, sondern Risch, auch wenn dieser mir aufgezwungene Nachname dem Französischen entstammt und das alles und insgesamt soviel Bedeutung hat wie Fliegendreck an der Tapete.

Habe ich das geschrieben, um hier als Sprachgenie durchzugehen? Mitnichten. Ich habe mich zwar gefreut, dass mir dieser Satz in Franz eingefallen ist, denn er erinnert mich an meine Schulzeit und meine Franz-Lehrerin:

Erste Stunde, erste Vokabeln: „Bitte alle sprechen nach: Je m’appelle Jean. Das heisst: Ich nenne mich Jean, oder auch ich heisse Jean!“

Letzte Franz-Stunde am Ende der Schulzeit: „Risch, merken Sie sich endlich: Französisch ist etwas für feine Köpfe – nicht für Klötze!“ Ich tat so, als hätte sie mir eben eine satte Gerade reingedonnert; aber ich wusste schon nach 2 Wochen Franz, dass ich mit dieser Sprache nicht warm werden kann.

In Saint Cyr sur Mer / Provence hatte ich einen Schlachter, mit dem ich auf Kriegsfuss stand. Ich verlangte mehrmals und absichtlich 200 g Crème forestienne, wobei es „forstienne“ in Franz garnicht gibt, und er korriegierte mit tiefem Ernst: Crème forêstière!
(eine Pastete Försterin-Art, also mit Waldpilzen, sehr lecker), und er hat dieses sein Produkt mit Klauen und Zähnen verteidigt. Klar, dass er das Spiel durchschaute und mich mit Vergnügen hart attackierte. Ich war stur dabei, weil ich Forestienne besser aussprechen konnte als Forêstière. Schaue Dir das Wort an, mit seinem Accent grave und dem Accent circonflexe, wo der Accent aigu völlig fehlt – ich kann das nicht richtig aussprechen! Das ist wie Suppe essen mit einer Gabel!

Anders lief das in Nizza. Ich kratzte alles zusammen, was ich in meinem Gedächtnis fand, um einen Polizisten danach zu fragen, wo der nächste Briefkasten steht. Es war erstaunlich, dass dieser Flic hilfsbereit, superfreundlich und sehr redselig erklärte, wo ich hinmusste und wieviele Strassen und Strassenecken ich beachten müsse, und dauernd redete er von à gauche (links) und à droite (rechts), ich verstand nur die Hälfte, war verwirrt, und gab schliesslich auf. Zum Bedanken reichte die Kraft noch, dann drehte ich mich um, wollte weitergehen, und erstarrte. Dann tippte ich dem Polizisten auf die Schulter und bat ihn per Zeichensprache, sich umzudrehen. Das machte er auch. Und so standen wir beide etwa einen Meter entfernt vor einem öffentlchen Briefkasten, der auch noch schön rot lackiert war. Ich wusste, in beiden Gesichtern stand die Erkenntnis: Heute sind wir beiden die Deppen von Nizza. Das tat erst ein wenig weh, dann sah ich zu, wie dem Flic die Gesichtszüge entgleisten. Bei mir lief das nicht anders. und so konnten die Touristen auf der Promenade des Anglais über zwei staunen, die mit heftigen Lachkrämpfen über einem roten Briefkasten hingen.

Ich weise darauf hin, dass man in einer solchen Situation für eine gute Gesundheit dankbar sein muss. Du hängst als komische Figur über einem halben Briefkasten, auf der anderen Hälfte hängt ein Polizist, und die Touristen sind irritiert, gucken wie Kälber, Gesichter zeigen Emotionen, manche überlegen, ob sie einen Doktor holen sollen – aber keiner zeigt eine Spur von Frohsinn! Du hast den Briefkasten längst vergessen und lachst nun über diese Touries, und wenn dann eine moppelige Deutsche vorbeikommt, die sich in einen lila Seidenanzug gezwängt hat, der wie eine Wurstpelle sitzt, und die dann in ihren deutschen Dialekt die Szene kommentiert, dann ….. dann kannst Du nicht anders als wieder loszubrüllen.

Wie auch immer: Irgendwann verlangt es Dich danach, Deine Würde wiederzugewinnen, und für den Flic war das lebensnotwendig. Mit einem freundlichen, distanzierten Adieu trennten sich unsere Wege. Ich hatte gelernt, dass ich Lachen auf Französisch hervorragend beherrsche. Das muss halt reichen.