Job-Erfahrungen

Mutti jagte mich auf ein Schlachtfeld. Eine ihrer rebellischen Töchter sollte kompatibel zur Konzern-Finanzbuchhaltung gemacht werden, und die Tochter hatte sich tot gestellt. Ich stellte auch. Nämlich fest: Sie leben noch! Also konnte ich mit Hilfe des IT-Chefs meinen Job erledigen. Es passte wie erwartet nichts zusammen, da spezielle Funktionen für die Tochterunverzichtbar sind. Ich sagte Herrn Y, dass wir die Finger davon lassen, und Plan B nutzen werden. Es gilt in allen Zeiten: „Never change a running system!“

Am selben Tag kriegte ich aus dem Vorstandsflur die Einladung zu einer Feier. Der Führungskreis traf sich, um irgendein Jubiläum auf badische Art zu würdigen. Schon zu Zeiten vor Martin Luther nannte man das „Fressen, Saufen und Spass haben“, also wie für mich gemacht.

Ich traf also im besten Haus am Platz ein, und man wies mir meinen Platz am Tisch zu.
Die Sitzordnung war also vorgegeben. Vorne die Crème de la Crème, und hinten, auf dem letzten Platz der Depp von der Hamburger Zentrale. Ich schaute mich um, fühlte mich exmittiert, aber mir fiel sofort ein Lieblingsspruch meiner Mutter ein: „Bei mir kannst Du lange picken, bis Du ans Hirn kommst!“ Und plötzlich sass mir einer der Vorstände gegenüber. Maximal 160 cm gross, ein wenig füllig, ein Gesicht wie ein Mops, und einen Ruf wie der liebe Gott.

Dann ging’s los. Ich: Herr X, warum sitzen sie nicht vorne, wo Sie hingehören?
Er: Ich hock am Arsch der Tafel, weil ich es will. Und Du sitzt hier am Arsch, weil Du musst!
Nun war ich vorgewarnt, was den örtlichen Sprachgebrauch betrifft. Als Pfälzer kann ich mithalten. Ich also: Vielleicht ist das hier garnicht der Arsch!?
Er hat mich sofort verstanden und brüllte los. Ich erschrak beim Verdacht, nun zu weit gegangen zu sein. Doch nur Sekunden später erkannte ich: Herr X lacht! Und das furchterregend. Dann haute er noch mit einer Faust auf den Tisch, sodass alle Anwesenden neugierig schauten: Haben wir schon eine Schlägerei? Er blickte sich um, dann zu mir, und war wieder ein Vorstandsmitglied.
Er: I woiss was’d machscht. Wie siehts aus?
Ich: Gut. Wir lassen die Finger weg von Eurer Software. Ich hab mit Herrn Y einen Plan B erarbeitet, der nicht weh tut.
Er: Un Du kommscht von Hamburg?
Ich: Und ob! Und die Konzernpolitik ist nicht mein Job. Ich habs gerne etwas ruhiger, am besten mit Computern.
Und ich spielte mit meinem leeren Weinglas.
Er: Was drinkscht?
Ich: Gutedel.
Er: Frolleinsche, bringe Se no zwoi! Guuutedele!
So ungefähr begann für mich der Abend. Herr X und ich hatten uns festgesabbelt, wie haben viel gelacht, uns gestritten, die halbe Welt umgekrempelt, und ich wurde so an die 20 mal daran erinnert, wie man einen Wein zu trinken hat – das Zuzzeln habe ich nicht hingekriegt. Ich sei dazu zu blöde, meinte er. Und ich: Stimmt. Aber ich bin Pfälzer und hatte meinen ersten Vollrausch mit 10! Er: Jetzt bin ich aber beeindruckt! Scheisse, denke ich, der kann auch Hochdeutsch!

Ich begann, diesen kleinen Mann aufrichtig zu mögen. Bodenständig, hochintelligent, humorvoll, streitsüchtig, aber immer kontrolliert. Und so konnte ich die Nacht geniessen, am Arsch der Tafel. Herr X hatte wohl auch sein Vergnügen. Er dachte nicht daran, mal seinen Platz zu wechseln.

Es war morgens gegen halb fünf, als er aufstand und anmerkte, mir ganget jetz hoim.
Ich: Ja! Mein Bett in der „Traube“ wartet schon auf mich!
Er: Hoim ist bei mir! Du probiersch jetz meinen Gutedel. Na gut, dachte ich, Du kannst ja ein anderes Mal nach Strassburg rüber, aber dieser Gnom, der Herr X ist ein Erlebnis!
Also rein in seinen Daimler. Unterwegs erklärt er mir, er bewirtschafte eigenhändig einen kleinen Wingert, und mache seinen Gutedel selbst. Alles. Und mit der Hand.

Schliesslich standen wir in seiner Wohnstube und hatten beide ein volles Glas in der Hand.
Er: Probier!
Ich: nehme zwei Schluck, das sind, wie meine Mutter zu sagen pflegt, dann zwei Kuhmäuler voll, und ich spüre, wie ich mich in einen Zombie verwandle. Die Augen werden gross wie Untertassen. Auf dem Rücken wächst irgendwas Unangenehmes, und an den Armen bildet sich eine Gänsehaut. Ich dachte nur noch: Atme! Atme, Du Depp! Du schaffst das! Du bist ein Pfälzer, und die Weissweine von der Oberhaardt haben Dich auch nicht fertiggemacht!
Dann setzte der Verstand wieder ein. Zehn mal schlucken macht zehn mal Schmerzen.
Einmal schlucken macht grossen Schmerz, aber es ist ausgestanden. Also trank ich auf ex.
Vergebens. Als ich wieder Luft kriegte, war mein Glas wieder voll.

Ich schaute Herrn X provozierend an. Ist das jetzt Bosheit, oder Belustigung in diesem Mops-Gesicht? Natürlich wusste ich, der Mann hatte Spass auf meine Kosten; ich musste für die Arroganz der Konzernmutter büssen. Und dies weckte meinen Kampfgeist. Ich trank tapfer das zweite Glas leer, und kriegte ein drittes vorgesetzt. Und siehe da: Nun kam meine Stunde. Das dritte schmeckte mir. Ich musste ihm das nun unter die Nase reiben, die Prozedur ein wenig entschärfen. Aber Herr X entpuppte sich als weiser Alter. Er meinte,
oi Viertele geht no, dann ganget mir ins Bett.

Das vierte Viertele stand auf dem Tisch, und die beiden Flaschen waren leer. Die folgenden Minuten waren ganz dem Wein und seinem Hersteller gewidmet. Diese, die letzte Stunde erbrachte wenig Gespräch, viel Stille. Es sind seltene Momente, und man geniesst sie wie Momente des Glücks. In vino veritas – man ist in sich gekehrt und kann tiefe Zufriedenheit empfinden. Alles ist, wie es sein soll, und das habe ich, ja ….. das habe ich heute nacht geschafft. Es war ein gewiss nicht alltäglicher Genuss, und er ist jede Erinnerung wert.

Am späten Nachmittag traf ich wieder Herrn Y, den Leiter des Rechenzentrums. Na, fragte er, wie fanden Sie den Abend? Ich: Ich habe den Gutedel von Herrn X probiert. Er: Ach Du Scheisse! Wieviele hast Du geschafft? (Plötzlich gehörte ich dazu!) Ich sagte: Vier.
Er: Nochmal Scheisse. Ich habe nur zwei geschafft!

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Ich habe Herrn X nicht wiedergesehen. Einige Monate später ist er gestorben, und ich habe um ihn ein wenig getrauert. Schon wieder Scheisse, dachte ich. Warum nur müssen die Besten immer als Erste gehen?