Kritischer Blick nach innen

Immer nur lächeln und immer vergnügt, immer zufrieden, wie’s immer sich fügt«, singt der Prinz Sou Chong und zeigt auf sein Herz: »Doch wie es da drin aussieht, geht niemand was an.« So geht es zu in den Operetten von Franz Lehár: Der schöne Schein muss gewahrt bleiben – über alle Unglücke hinweg. Da kann man es gut verstehen, wenn die modernen Opernregisseure bei Lehár am liebsten den Hammer zur Hand nehmen, um nachzusehen, was sich im Porzellanherzen des Prinzen Sou Chong denn nun verbirgt.

Sie entdecken nackte Verzweiflung hinter der Hochstimmung, den Geist der Intoleranz in der Leichtlebigkeit und dass es garantiert doppelt so schlimm ist, wenn der Buffo zu trällern beginnt: »’s ist alles halb so schlimm.«

Diese Textpassage habe ich in der „Zeit“ gestohlen; Claus Spahn hat sie in einen Kommentar geschrieben.

Ich hatte ein wenig in meinen Erinnerungen gegraben, weil mir die Frage durch den Kopf geisterte, inwieweit ich der Versuchung zum Selbstbetrug erliege, also wie schief das Bild meiner kleinen Welt geraten ist – da stolpere ich doch über meine eigene Mülltonne, ich meine jene im Gedächtnis, und dort finde ich meinen ersten Operettenbesuch. Es gab „Das Land des Lächelns“ von Lehár, und dort ist besagter Prinz Sou Chong zu Hause. Ich war 10 oder 11 Jahre alt und für die grossen Musikdramen noch nicht gereift. (lieber fidel als Fidelio!)

Wenn ich die 7,2 Milliarden Menschen zu einem virtuellen Wesen zusammenfüge, das ich Prinz Sou Chong nenne, und ich schaue mir diesen „Menschen“ genau an, so werde ich Herrn Spahn wohl zustimmen müssen. Ich, das Individuum habe natürlich einen hochwirksamen Verdrängungsmechanismus, der Schutz vor Beschädigung der Seele bietet. Hier liegt kein Selbstbetrug vor. Ich bin nicht unwissend, sondern ich weiss, und verdränge. Vive la différence!

Ich überlege gerade, ob das „gesund“ ist. ………. doch, es ist gesund. Die Alternative wäre nämlich, nun nach einem Strick zu suchen.

Aber ich stehe nun wieder im Zwielicht. Was ist da? Angst? Lebensangst? Nein, es ist maximal Verunsicherung. Zur Sicherheit lese ich nun lieber bei Joseph von Eichendorff nach:

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau´n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

Mit der letzten Strophe seines Gedichts „Zwielicht“ sagt er mir: Alter, mach Dir nicht ins Hemd! Dramatisch ist in Deiner Situation garnichts, aber pass ein bisschen auf Dich auf, und baue auf die Zukunft.
Und meine Absicht, meinen Selbstbetrug zu identifizieren? Meine Interessen daran sind einfach erloschen. Sollen andere suchen. Ich – heute – nicht!