Nabelschau

Heute früh kam ich aus meiner Schlafhöhle und blickte – noch halb im Tran – versehentlich in meinen grössten Spiegel. Der Alte, den ich bemerkte, blickte streng zurück, und ich dachte intuitiv: Meine Güte, was habe ich dem bloss angetan? Der guckt so angefressen, als hätte er im Hotel „Piranhas“ übernachtet, oder mit dem weissen Hai gekuschelt!
Es war ein Moment der Offenbarung. Das Geburtsdatum auf meiner Identcard muss wohl richtig sein.

Ok. Ich bin mir bewusst, dass ich wieder mal mit meinem Alter kokettiere. Zu meiner Entschuldigung führe ich an, dass ich 1 x tot war, und 1 x fast tot. Ich kriege das nicht aus meinem Bewusstsein gelöscht. Aber es gibt meinem (Rest-) Leben einen hohen Stellenwert.
Und dies insbesondere, solange ich meinen Wein nicht mit dem Strohhalm trinken muss, da meine rechte Hand noch einigermassen funktioniert, also ein Glas halten kann. Auch ein volles!

Nun ist das Positivum – wie der ganze Kerl – nicht ohne Fehler. Der wichtigste Ort meines Körpers bleibt immer noch die Zentrale, die man auch Oberstübchen zu nennen beliebt. Dort oben, direkt unter den silbernen Locken wirds dünn und dünner. Ich vergesse Namen und Bezeichnungen. Sitze am Tisch und frage meine Tochter: Wie heisst das noch mal, was da im Brotkorb liegt? Ihre Antwort: Brot, Papa! Klar, dass ich dann geschockt bin.

Nun renne ich (nein, rennen kann ich nicht, nur schleichen) also schleiche ich in mein Office (das Wort Büro will mir nicht ums Verrecken einfallen) und google das Stichwort „Notschlachtung – Hund, Katze, Mensch“. Zumindest will ich das, komme aber nicht dazu, weil mich erneut die Weltpolitik erreicht und gefangen nimmt.

Nun bin ich ein Mensch, der alles weiss.

Natürlich unterlasse ich diese Klassifizierung in der Öffentlichkeit, und sage, ich sei relativ gut informiert. Und ich sage, dass ich überall dort eine eigene Meinung habe, wo ich nicht alles weiss. Und ich weiss, dass Meinungen auch mal falsch sein dürfen, denn irren ist menschlich. Der aufmerksame Leser bemerkt jetzt: Hier lässt sich der allwissende Alte eine Tür offen stehen, damit man ihm nicht ernsthaft an die Karre fahren kann. Stimmt. Der Trick ist so alt wie der Homo sapiens, aber immer noch gut! So kann ich getrost ein wenig, also in Massen herumschwadronieren, ohne einen Shitstorm fürchten zu müssen, obwohl …. das wäre auch mal eine nette Abwechslung.

Und so sitze ich hier in meinem Büro (das Wort Office fällt mir gerade nicht ein, es ist da, aber es versteckt sich), und blogge so vor mich hin, wie andere auf ihrem Hometrainer vor sich hinjoggen – man bekämpft den Rost, wo immer er auftritt und nicht ausdrücklich als Edelpatina ausgewiesen ist. (Wo kommt bloss das Wort Edelpatina her? Das gehört mir nicht!) Sind meine Meinungen und Vermutungen falsch – es juckt mich nicht. In aller Bescheidenheit zitiere ich mich selbst:

Nur wer denkt, kann irren!

4 Antworten auf “Nabelschau”

Kommentare sind geschlossen.