Adonis 2020

Dieser Mann ( ich vermeide, ihn beim, Namen zu nennen), also dieser Mann baut sich vor Kameras auf wie Adonis vor Aphrodite.Unvergessen, wie er in einer Gruppe von Staatschefs sich unter Verwendung seiner Ellenbogen nach vorne drängte und in der ersten Reihe zu seinem eigenen Denkmal erstarrte – nicht ohne seiner Mimik den Ausdruck von Triumph überzutünchen. Er ist ein Mann für Reihe 1 / Mitte. Auf den Theaterbühnen der Welt ist das der Platz für die Kulissen. Sie vermitteln dem Publikum Illusionen, und es verbietet sich von selbst, dahinter zu schauen. Wer es dennoch tut, bekommt zu spüren, wie schnell und gründlich die Bilder ihre Kraft verlieren. Der Mensch erleidet einen Verlust – und der Kulisse ist dies gleichgültig.

Nun sollte besagter Kulissen-August einen verdienstvollen Bürger mit einer Medaille auszeichnen. Man hatte die Feierstunde ordentlich vorbereitet. Der Bürger begab sich nach vorne, um die Medaille zu empfangen, als aus dem Publikum ein Hirni laut rief: „Nur eine Frage, bitte!“ Der Angefragte wandte sich um und verliess den Raum auf Nimmerwiedersehen. Der zu ehrende Bürger stand allein vor seinem Publikum, breitete theatralisch die Arme aus und sagte, was Sache war: „He is gone.“

Wer bei Verstand ist, weiss es: Nichts ist für die Ewigkeit gemacht. Selbst die Zeit vergeht, wie im Fluge, sagt man. Also muss man damit rechnen, dass auch Kulissen verschleissen. Dann müssen halt neue her. Bis dahin darf sich das Publikum über einen alt gewordenen Adonis amüsieren, dessen Ende dem des griechischen Jünglings nicht gleichen wird. Jener Schönling wurde von einem wilden Eber getötet, den sein Gottvater ihm gesandt hatte. Dieser Gottvater ist anscheinend auch ältergeworden und hat seine Story nicht mehr ganz im Kopf. Statt unseren Adonis zu töten hat er ihn zum wilden Eber gemacht – mit dem Resultat, dass er umher irrend sich selbst sucht und sich nicht erkennt. Er hat eine Wahl verloren, und das kann niemals geschehen. Er ist nicht er selbst, sondern ein anderer, dem das schon mal passieren kann.

Am Rande bemerkt: Narziss war auch so ein Schöner, und verliebt in sein Spiegelbild.