Unser blauer Planet

T a r e n t h e u t e

Wir, das meint jeden, der es zu schätzen weiss, lieben unser Bett. Es ist ein Ort, an dem man sich auf mehrfache Weise wohlfühlen kann – Achtsamkeit vorausgesetzt.

Aber lieben wir unseren Lebensraum auf die gleiche Weise?
Natürlich, es gibt sie, die Freunde der Erde, die Naturliebhaber. Viele davon lassen jedoch ihr positives Gedankengut zu einer Ideologie gerinnen und ändern damit das Vorzeichen, ohne dies zu bemerken. Man nimmt sie als harmlose Spinner wahr – und das sind sie wohl. Placebos für einen kranken Körper.

Ja, er ist krank. Man will nur nichts davon wissen. Man sagt, die Welt habe sich in den letzten 200 Jahren grundlegend verändert. Ich sage: Ja, so sieht es tatsächlich aus. Nur ist diese Aussage falsch. Der Mensch hat sie verändert. Die Welt selbst kann dies nur nach den Gesetzen der Evolution schaffen, und in diesem Rahmen geschieht alles sehr langsam, man möchte sagen, es geschieht behutsam, sozial verträglich. Katastrophen durch Wasser und Feuer, Vulkanismus etc. wären als ausserordentliche Ereignisse mitbestimmend, aber zu bewältigen.

Aber da ist der Mensch, ein Produkt der Evolution, und zu einem hochentwickelten Kretin entartet. Ich zeige auf, warum ich bösartig formuliere:

T a r e n t g e s t e r n

In Süditalien, genauer in Apulien liegt eine Küstenstadt, die man als Tarent kennt. Sie ist 3.000 Jahre alt, hatte 250.000 Einwohner, eine nette Altstadt, Badestrände am Ionischen Meer, gutes Klima – kurz alles, was den Urlauber anfixt. Aber es fehlten Arbeitsplätze. Also stimmte man dem Bau eines Stahlwerks zu. Selbstverständlich wollten die Investoren eine ansprechende Rendite sehen. Die Fabrik beschäftigte einige zigtausend Menschen aus Tarent und Umgebung, und vergiftete die Region. Zu Tausenden waren die Einwohner Tarents von Schwefeldioxid, Benzpyren, Dioxinen und etlichen anderen Giften verseucht, und in den vergangenen Jahrzehnten an Krebs erkrankt. Menschen flüchteten, man zählt heute 50.000. Die Eigentümer des Stahlwerks wurden gerichtlich zu Schutzmassnahmen verpflichtet, und sie ignorierten die Anweisungen.

Heute, so wird berichtet, hat man den Eindruck gewonnen, dass die alte Stadt Tarent stirbt.

Nun krieche ich ein kleines Stück Weges in mich hinein, schliesse die Augen und öffne die Ohren. Ich höre Stimmen. Sie alarmieren: Entrüstung! Man könne diesen Fall, das Desaster mit ArcelorMittal/Luxemburg nicht verallgemeinern!
Ich aber sage: Doch, das kann man, und das muss man. Entferne aus dieser Geschichte alles Konkrete wie Stahl und Italien, dann hast Du einen weltweit angewandten Handlungsrahmen. Dann nimmst Du ein Problem wie die Sauerei in der Luft durch den Flugverkehr und sortierst es hinein – passt. Nimm die Vernichtung des Regenwalds in Brasilien – passt. Nimm die Contergan-Affaire – passt. Es passt fast immer.

Aber schminke Dir den billigen Trick mit der Einzelfall-Polemik ab. Unsere globalen Probleme sind nicht ArcelorMittal in Apulien anzulasten. Sie sind als Katastrophen wahrnehmbar, wenn man Summen bildet. Es ist die Summe der Auswirkungen, die uns Angst macht! Und es ist die Summe der Erfahrungen aus dem Kampf gegen das Geld an vielen Schwachstellen unserer Existenz.