Die rote Kugel

In unserer Küche liegt ein Kürbis. Ich gestehe, dass ich mit diesem wie mit anderen Kürbissen keine Erfahrung habe. Man sagt, manche könne man essen. Ich glaube das gerne, obschon mich nichts dazu drängt, es zu versuchen. so bin ich einer Fraktion anzurechnen, die von sich behauptet, dass der Bauer nicht frisst, was er nicht kennt.

Längeres Nachdenken ergab allerdings, dass ich in dieser Frage etwas aus der Spur bin. Im Landhotel „Martinsmühle“ in Lindau am Bodensee habe ich zweierlei wirklich genossen: Einen Birnenbrand aus Williamsbirnen von überragender Qualität, den der Seniorchef selbst brennt, und eine Kürbissuppe mit einem Schuss Kürbiskernöl, die einfach göttlich schmeckt und von der Juniorchefin zubereitet wird. Eine dunkle Erinnerung sagt mir, dass das Süppchen aus Hokkaidokürbis destilliert wurde.

Die rötliche Kugel in der Küche ist, so berichtet man mir, ein Hokkaidokürbis. Man sagt auch, er beisst nicht um sich, bewegt sich nicht und ist so tot wie meine Salatgurke im Kühlschrank. Ich habe nun also die Gewissheit, dass das Ding aus der Küche kein Alien ist, sondern einfach ein Gemüse. Und dieses Gemüse korrespondiert direkt mit der Köstklichkeit aus der Martinsmühle am Bodensee. Nein, nicht mit dem Birnenbrand!

Nun habe ich ein wenig gegoogelt, um etwas mehr über den Kürbis zu erfahren. Auffallend: Wieder einmal sind die Amis schuld. Sie haben irgendeine Sorte Kürbis nach Japan gebracht. Dort hat man herumgezüchtet wie die Teufel, und es ist ein Gewächs entstanden, das Utsugi-akagawa-amaguri-kabocha genannt wurde. Utsugi ist der Ort, wo der Züchter wohnt. Akagawa heisst Rote Schale, Amaguri meint Süsse Esskastanie und Kabocha heisst Kürbis. Dieser etwas voluminöse Name für eine rote Kugel ist irgendwem so sehr auf den Senkel gegangen, dass er das Ding umbenannte in Hokkaido-Kürbis. Warum gerade Hokkaido? Keiner weiss das.
Aber manche wissen, Hokkaido ist die nördlichste, die „Nordmeer-Provinz“ Japans.

Vor Ewigkeiten habe ich in Kürbisse Gesichter geschnitten, Kerzen reingestellt, und das Flammeninferno vor die Haustür gesetzt – Halloween! Dann gammelte das Machwerk vor sich hin, und landete schliesslich auf dem Komposthaufen.
Heute werde ich das Gefühl nicht los, dass dies ein wenig dümmlich gehandelt war. Man kann Besseres mit Kürbissen anstellen. Wieder etwas gelernt!