Hilfe! Ich bin nicht normal!

Neulich ist mir bei einer dieser nutzlosen Diskussionen über die geopolitische Lage Deutschlands in der Welt ganz ohne mein bewusstes Zutun eine Frage über die Zunge gekommen, die verblüffte: „Gibt es in unserer Welt überhaupt noch Normale?“

Mir war sofort klar, dass diese Frage selten dämlich ist, nämlich rhetorisch und ziemlich polemisch. Wer glaubt, antworten zu sollen, tut dies mit einem einfachen Ja. Und ich werde dann umgehend zickig. So billig verkaufe ich mich nicht. Deshalb wäre nun zu klären, was bitte sehr „normal“ bedeutet. Und so bitte ich – betont gelassen – um eine plausible, standsichere Definition. Dabei beginne ich, meine Hinterhältigkeit zu geniessen.

Ein kluger Gegner würde sofort das Thema wechseln. Es gibt genügend Populäres, wie Auto und Fussball. Wer sich jedoch unbedarft auf die Frage nach der Definition einlässt, zappelt schon an meinem Haken. Ich könnte ihn mir zurechtlegen und filetieren. Oder ich lasse ihn frei und beende die Diskussion. Das geschieht aber nicht allzu oft. Deshalb lasse ich eine neue Frage in den Raum tropfen: „Bin ich etwa normal?“ Das ist natürlich fies gefragt – aber man will ja gewinnen!
Wenn der Gegner nun aufgewacht ist, kontert er, ohne auf meine Frage einzugehen: „Normal ist, was der Norm entspricht!“ Aha. Die Norm – der Ausdruck eines Wertesystems. Ich lasse mir das bestätigen, und frage nach: „Welches Wertesystems meinst Du? Deines, meines, das der Kirche, oder das aus dem Brockhaus? Und was gilt für die Muslime?“

Nun herrscht andachtsvolle Stille in meiner Küche. Ich steige wieder ein und erkläre, dass man sich im allgemeinen damit begnügt, einen neutralen Wertekanon aus Quellen wie Humanismus, Altruismus, Moral und Erfahrung zu bilden; jener Mensch, der diese Ethik dann in sich vereinigt und zur Grundlage seines Denkens und Handelns macht, wird leider nie geboren werden. Mein Gegner hat es nun verstanden und merkt an, dann gäbe es also überhaupt keine normalen Menschen. Sieht fast so aus, sage ich, aber lass uns jetzt mal die Brille wechseln:
„Die Individualität mit positiven und negativen Ausprägungen ist ein wertvolles Gut des Menschen. Und diese Individualität ist normal. Anormal wären Klone, also Kopien eines Menschen, könnte man sie herstellen.“

In der Küche herrscht wieder Stille. Ich muss es mir eingestehen: Gewonnen habe ich nicht. Wie immer ist mir soeben das Thema Normalität unter den Fingern weggestorben.

Und ich habe keine Lust, darüber zu philosophieren, wieviel Anormalität zu tolerieren wäre, um den Idealmenschen zu definieren; darf er in der Nase bohren, ohne dass man vom Vollstatus 100% abrückt? Ja, das klingt nun nach Spalten von Kümmelsaat. Aber eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach Toleranz für menschliche Schwächen wäre, hätten unsere Kinder in der Schule Ethik-Unterricht, doch von Bedeutung, oder? Da gab es doch mal ein Lehrfach mit dem Titel „Werte und Normen“ ….. warum lernen die da nichts?
Na klar, der Lehrstoff geht runter wie Sägemehl – nämlich garnicht. Was ginge, wäre das Vor-Leben durch die Erwachsenen, die Eltern, die Lehrer, die Gesellschaft, Vorbilder halt. Und dort ist leider nichts zu holen.

2 Antworten auf “Hilfe! Ich bin nicht normal!”

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