Unfug

Heute morgen – es war zirka kurz vor 9 Uhr – öffnete ich meine Augen. Irgendwas hatte mir wie so oft den Schlaf genommen. So war ich gezwungen, aufzuwachen. Dabei entwickelt sich vor meinem inneren Auge das Bild der morgentlichen Routine. Routine, das ist „blinde“ Gewohnheit.

In meinem Fall besteht die morgendliche Routine aus einem Ritual. Es beginnt mit dem Ordnen des Bettzeugs und meines Körpers in der technischen Einheit, die wir schlicht „Bett“ nennen. Daran schliesst sich unweigerlich eine kritische Situation. Es muss entschieden werden, ob ich aufstehe oder liegenbleibe. Ich befinde mich damit in einer realen Lose-lose-Situation. Aber noch bevor ich meinen ersten Fluch formulieren kann, hat mich die Routine zu einem Blick zum Fenster gezwungen. Ich musste anerkennen, dass ein Tag die Szene beherrscht. Man weiss, dass das Schliessen der Augen daran nichts zu ändern vermag. Es ist Tag. Und es ist wieder so einer jener Sorte, mit der ich nichts anzufangen weiss.

Ich bin Karl August Demuth von Stängen-Zelerien.

Diese Tage! Sie kommen in der Rohfassung, also absolut unstrukturiert. Ich liege im Bett, bin bei Bewusstsein. Und ich erkenne keinen Weg durch diesen Tag. Es sind zehn und eine halbe Stunde ohne Orientierung. Man ist dem Zufall ausgeliefert. Nichts ist wie früher. Da waren 10 Stunden Rüben hacken angesagt; Mensch und Hacke kannten ihren Weg durch die Zeit. Und heute? Es taktet der Zufall. Nichts ist sicher. Es ist schwierig geworden, den Ereignissen zu folgen. Es werden deshalb Probleme geboren. Der Tag schafft Probleme, und der Mensch soll sie lösen. Nein, normal ist das nicht.

Man hat mir nichts beigebracht.
Man sagt, ich sei ein degenerierter Krautjunker.
Ich und Kraut!

Wieder und wieder schleicht sich der Tag in mein Leben. Ich versuche, ihn zu überlisten. Ich schliesse die Augen und bedecke sie mit einem schwarzen Tuch – vergeblich. Der Tag hat mich wahrgenommen und erobert. So liege ich hellwach in künstlicher Nacht und denke an sie. Es ist das Beste, was ich in dieser Phase des Wechsels vom kleinen Tod zum wirklichen Leben für mich tun kann.

Antonie Edle zu Peters und Silio.

Sie ist eine Frau, die es vermocht hat, dass mir meine Thorsberg-Hose zu eng wurde, als ich sie umarmte. Diese Reaktion lässt meine Gefühle strömen wie ein Wasserfall nach starken Gewittern. Dabei vergesse ich, Liebe und Lust zu unterscheiden. Ich begann tatsächlich, mich nach mittelalterlichen Beinlingen zu sehnen. Ich weiss um Qualitär und Wert solcher Phantasien. Doch die nach historischer Vorlage geschneiderten Beinlinge, auf nackter Haut und so in Antonie’s Baudoir getragen kann nur zwei Effekte bewirken: Unbändige Heiterkeit oder zügellose Wollust.

Ich schäle mich aus meinen Pfühlen und bin bereit. Bereit für die Händel mit dem Neuen. Dem neuen Tag. Dem täglichen Pfuhl.

Heute muss ich unbedingt zum ALDI. Waschpulver und Kartoffel-Chips sind alle.